Alles spült

Traurig knöpfte Winfried seinen Hosenstall zu. Die automatische Spülung des Urinals war dieses Mal sogar zweimal losgegangen, während er noch im vollen Schwange uriniert hatte.

»Tragischer Unfall bei Spaziergang« notierte man sinngemäß auf dem Totenschein, nachdem Winfrieds bleiche, aufgeschwemmte Leiche einige Zeit später aus dem Fluß gezogen worden war; eine Fischerin hatte Winfried an einer der Biegungen, dort, wo der Fluß so verträumt durch die Landschaft mäandert, bevor er parallel zur maroden dreispurigen Bundesstraße in die Stadt fließen muß, gefunden.

Der Pfarrer sprach bei der Beisetzung nur die nötigsten, unbedingt vorgeschriebenen Worte und Gebete; nein: er murmelte sie vielmehr. Die beim widerlichen Eintopf seiner Haushälterin zusammenmontierte Grabrede aus Floskeln und Gemeinplätzen verlas er nicht; die Urnenträgerin hielt es nicht für nötig zu verbergen, daß sie in einem Fall wie diesem alles über »Türchen auf – Ürnchen rein – Türchen zu« Hinausgehende für Zeitverschwendung hielt und keinesfalls als »verehrte Trauergäste« angesprochen werden wollte. »Hoffentlich mäkelt diesmal keiner am Beisetzungskostenübernahmeformular herum«, dachte der Pfarrer, als er sein Weihwasserkesselchen zur Sakristei zurücktrug.

Der Nachwelt im Gedächtnis geblieben wäre Winfried allerdings, wenn es nur irgend möglich gewesen wäre, daß jemand davon mitbekommen hätte, daß Winfried es als erster (und bis heute einziger) Mensch fertigbrachte, sein Leben zu beenden, indem er durch nichts als einen reinen Willensakt seinen Geist zum Erlöschen brachte – was noch schwieriger ist als sich unter Wasser festzuhalten, bis man ertrunken ist. Winfried gelang es an einer Stelle, an der er nach dem Verlust der Kontrolle seines Geistes über seinen Körper mit ziemlicher Gewißheit die Böschung hinunter in den Fluß gleiten würde.

»Sind ja nur 17 Euro 40, was soll ich mich lang aufregen«, dachte die allseits nur Traudl genannte Gertraud, als sie den unbeglichenen und nicht sicher zuzuordnenden Bierdeckel, den sie beim vom Amt verordneten Schänkeputzen gefunden hatte, wegwarf, »vielleicht gehörte er ja diesem einen, der doch immerzu von dieser Sekte in Delaware redete, die ihn so faszinierte. Der – nach Amerika? Dabei war der wegen der Automaten nicht mal in der Lage, ein Busticket zu kaufen, und den Busfahrer wegen einem Ticket anzusprechen traute er sich schon gar nicht, weshalb er dann bei jedem Wetter mit dem Fahrrad kam. Oh, ich sollte mich mal wieder rasieren.«

Das Immergrün tat, was es immer tat.

Ein Gedanke zu “Alles spült

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.