Lieber nicht

»Pfarrbrief Sankt Vitus!«, begehrte die Frau durch die Sprechanlage Einlaß ins Haus zu den Briefkästen. »In diesem Haus wird ausschließlich dem Satan gehuldigt. Danke.«, antwortete Winfried nicht, sondern drückte erwiderungslos den Türsummer. Für so eine gewitzte Reaktion war er nicht schlagfertig genug. Genau genommen war Winfried überhaupt nicht schlagfertig. Die Reaktion auf die Pfarrbriefausträgerin fiel ihm, wie stets so etwas, erst hinterher ein, und wäre sie ihm zum passenden Zeitpunkt in den Sinn gekommen, hätte er sie niemals gesagt. Was, wenn die Frau dann doch ins Haus und obendrein auch noch zu mir hochgekommen wäre, um mich zu missionieren?, dachte er. Was, wenn die das zwar gelassen, aber stattdessen dem Pfarrer von Sankt Vitus berichtet hätte, daß es in der Pfarrei ein Haus voller Satanisten gibt? Der wäre möglicherweise mit einem Exorzismusset vorbeigekommen, denn er war vielleicht ein Schüler des kürzlich verstorbenen vatikanischen Chefexorzisten gewesen –, wie hieß der noch gleich? Und ob der auch mal sowas erlebte wie die in dem einen Exorzistenfilm aus den Siebzigern? Immerhin soll der ja in 30 Jahren über 70.000 Teufel ausgetrieben haben. Oder 700.000? Da kriegt man gewiß so einiges zu sehen –, aber den Kopf einmal ganz herumdrehen? Und was die anderen aus dem Haus getuschelt hätten, wenn sein Satansspaß dadurch bekannt geworden wäre. »Bei dem im zweiten riecht’s schon immer so komisch, wenn der die Wohnungstür mal offen läßt, direkt modrig«, hatte Winfried ihn erst zwei Tage zuvor im Treppenhaus sprechen gehört, als er die Wohnungstür geöffnet hatte, um einkaufen zu gehen. Naja, bis Montag wird’s vielleicht doch noch reichen, hatte er gedacht und die Tür wieder von innen geschlossen, und hoffentlich haben die mich jetzt nicht gehört. Was die noch so geredet hatten, hätte ihn mordsmäßig interessiert, aber eigentlich hatte er es doch lieber nicht wissen wollen. Jedenfalls die Wohnungstür nicht mehr länger offen lassen als nötig, das war ihm schon peinlich genug gewesen. Gut, daß er so besonnen reagierte und die Frau gleich ins Haus ließ.


Winfried (1)