Süddeutsche Gewissensfrage

»Sehr geehrter Herr Dr. Dr. Rainer Erlinger,
für Ihre spannende Rubrik ›Die Gewissensfrage‹ im
Süddeutsche Zeitung Magazin möchte ich gerne zwei Fragen einreichen, die sich mir aus dem folgenden kniffligen Sachverhalt ergaben: Neulich, auf einem Spaziergang über die Fluren unseres schönen Bayernlandes, stolperte ich unversehens in eine mißliche Lage. Ich stand plötzlich mitten im Nirgendwo an Eisenbahngleisen vor einer Gleisweiche nebst Weichenstellhebel. In der Ferne war eine herannahende Eisenbahn zu vernehmen, die ihr mächtiges Zughorn erklingen ließ und ordentlich Dampf durch ihren Schornstein blies. Auf dem Gleis, auf dem der Zug nach der Weiche weiterfahren sollte, waren fünf Asylanten festgebunden, die von dem Zug überrollt worden wären. Hätte ich die Weiche betätigt, wäre der Zug auf ein anderes Gleis umgeleitet worden, auf dem nur eine Asylantin befestigt war. Weil ich mich nicht entscheiden konnte, wie ich handeln sollte, packte ich in meiner Not eine zufällig des Wegs kommende Wanderin, überantwortete ihr die Weiche, indem ich ihre linke Hand mit Kabelbinder daran festband (ich hatte noch ein paar davon in meinen Polizeisocken einstecken, von der letzten Schicht auf Streife), dann entfernte ich mich und setzte meinen Spaziergang fort. Daher meine Fragen an Sie: Hat Ihnen eigentlich niemand gesagt, daß man, um Professor zu werden, nicht einfach zweimal hintereinander promovieren muß, Herr Doktor Doktor? Oder haben Sie Ihre Habilitationsschrift aus Versehen ins Promotionenfach gelegt?

Mit freundlichen Grüßen
Manfred G., Fürstenfeldbruck

PS: Als ich kürzlich meinem Sohn (14) einen Text von Ihnen aus dem SZ-Magazin zeigen wollte, las er nur Ihren Namen und sagte: ›lol fail lol‹. Für seine unqualifizierte Ausdrucksweise nahm ich ihm daraufhin sein Smartphone ab und band es für die nächsten zwei Tage mit Kabelbinder an meinem Gürtel fest.«

Lieber Herr G.,
hinsichtlich Ihrer Fragen stelle ich fest, daß ich, erstens, in den beiden Disziplinen Humanmedizin und Rechtswissenschaften promoviert wurde und darüber hinaus, zweitens, im Wintersemester 2008/2009 eine Gastprofessur an der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg innehatte –, bitch! Hätten Sie vor Ihrer nachgerade unverschämten Doppelfrage meine Homepage konsultiert, hätten Sie dies bereits zur Kenntnis nehmen können.
Den »kniffligen Sachverhalt«, den Sie in Ihrem Brief schildern, halte ich für eine bloße Münchhausiade. Denn die letzte mechanische Einhebelgleisweiche Bayerns wurde, wie der Blick in einschlägige Fachliteratur zeigt, noch von Prinzregent Luitpold von Bayern außer Betrieb genommen, und zwar im Jahre 1909. Den anwesenden Kindern spendierte er bei dieser Gelegenheit »nicht nur einen schulfreien Tag, sondern auch jedem Kind eine Semmel mit Wurst und jedem Kind ab dem dritten Schuljahr einen Schoppen Bier«. Jaja, es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Aber ich schwelge ab! Zurück zu Ihrem Brief: Mit der Züchtigung Ihres Sohnes wegen seines ungebührlichen »lol fail lol« lagen Sie moralisch gesehen völlig richtig! Was für ein Hundskrüppel, was für ein elendiger!

Hochachtungsvoll
Ihr Rainer Erlinger

PS: Mein mittlerer Sohn (9) hätte in einer der Ihres Sohnes komparablen Situation gesagt: »λολ φαιλ λολ θύμα«*.

Literatur:
Müller, Gerhard:
Weichen-Handbuch, 4., bearbeitete und ergänzte Auflage, Berlin: Transpress-Verlagsgesellschaft 1991.
Preuß, Erich: Stellwerke deutscher Eisenbahnen, Stuttgart: Transpress Verlagsgesellschaft 2012.
Samosatensis, Lucianus: Altgriechische Münchhausiade. In Auswahl für die Anfangslektüre, hrsg. von Walter Breywisch, Leipzig u.a.: Teubner 1932.

[* Gr. für »lol fail lol, du Opfer!«]

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