Salon intime – Mein Februar

1.2. «Schön’n Nachmittaach!», wünscht mir die Kassiererin an der Lidl-Kasse – vormittags um 8.45 Uhr. Ich spule routiniert mein «Dankegleichfalls» ab, und wundere mich. Der nächsten Kundin wünscht sie exakt dasselbe.
2.2. Teile der USA und Kanadas begehen den Groundhog Day, hierzulande bekannt als Murmeltiertag. Ich reminisziere eine meiner liebsten Filmszenen (‹Und täglich grüßt das Murmeltier›):
Ned: «Phil?! Phiil Conners?»
Phil: «Ned?» *baff* (schlägt Ned mit der Faust nieder)

3.2. Lange nichts mehr davon gelesen, daher frage ich mich: Saufen die jungen Leute heutzutage eigentlich noch koma?
4.2. Nettes Gespräch mit einer neuen Bekanntschaft. Ungewohnt schnell verschwinden allerdings die Hemmungen und wird das Interesse abgeklopft: «Ich höre gerne Jazz», bewirbt sie sich. «Und tschäß!», sage ich nicht, sondern daß ich mir das auch schon lange mal vorgenommen hätte, aber momentan dabei sei, mich in die Klassik ein wenig reinzuhören.
5.2. Top-Claim für Zimmereien: «First-Class-Dachstühle».
6.2. Gut: Leute, die den Unterschied zwischen Binde- und Gedankenstrich kennen – und sich nur einmal, und dann auch nur kurz!, darüber wunderten, daß letzterer nicht auf Computertastaturen zu finden ist. Schlecht: Die Schildermacher, die vorletztinstanzlich für die ubiquitäre Graphiescheiße im öffentlichen Raum, genauer: die allüberalligen sprachgraphischen Zumutungen verantwortlich sind. (Einzig noch infernalisch-infamer: Diejenigen, die die Schilder aufhängen und hängen lassen.) Und liest denn niemand Bringdienst- und Imbißspeisekarten korrektur?
7.2. Verleser des Tages auf einer Obstauspreisung: «vergiftete Mango» statt «vorgereifte». Dann doch zu einer Papaya gegriffen.
8.2. Feststellung: Am längsten pieseln kann ich, wenn sich jemand ans benachbarte Urinal stellt, während es bei mir schon herrlich strömt – und es beim ihm dann nicht und nicht laufen will, nicht zuletzt deswegen, weil es bei mir schon geht. Für solche Fälle scheine ich ein Extrareservoir zu haben, aus dem mein Körper schöpft, damit der Nachbar möglichst lange nicht kann.
9.2. Ich entscheide mich dagegen, den Kontakt zu allen Leuten, die «spannend» als Synonym für «interessant» verwenden, abzubrechen.
10.2. Dialog, unfreiwillig aufgeschnappt von zwei Frauen, die mich beim Spazieren forschen Schrittes überholen:
A: «In jeder zehnten Beziehung verdient die Frau mehr als der Mann.» B: «Ja, kann ich bestätigen. – Ich bin eine von den zehn.» (lacht – vornehm, aber bestimmt – zum Beweise summa cum laude) A: «Ja, ich auch.» (lacht ebenso) Beide ab.
11.2. Beim Prokrastinieren stoße ich auf einen Artikel mit der Überschrift: «Brauerei-Einbrecher trinkt zehn Pils – und geht wieder». Verbrechen mit Herz. Und das Rennen um die Headline des Jahres ist damit dieses Jahr bereits früh entschieden.
12.2. Stelle mit Schrecken fest, daß der Duden für den Ausdruck Chimäre in der Bedeutung von ‹Trugbild, Hirngespinst› als bevorzugte Schreibweise Schimäre vorschlägt. Ja sakrament!, wo soll dieser Dudenunfug bloß noch hinführen! Direktemang zum Untergang des Abendlandes? Zur noch umfassenderen Verdummung als der ohnehinnigen? I wo, was für ein Quatsch! Sprache verändert sich und mit ihr gelegentlich die Orthografie Orthographie. Aber schnurstracks zumindest führt’s zum Titel einer der nächsten Duden-Auflagen: «Duden’s Rechtschreib Wörter Buch». (Stelle anschließend mit noch größerem Schrecken fest, daß Schimäre seit ein paar Hundert Jahren so geschrieben wird. Der neue Dudentitel wird allerdings nicht mehr so lange auf sich warten lassen.)
13.2. Gute Schlagzeile für den bourgeoisen Boulevard: «Pikantes aus Siegfried Lenz‘ Nachlaß: SO zärtlich war Suleyken!»
14.2. Einmal mehr bewahrheitet sich ein Verhörer aus der Kindheit: der Valentinstag ist heuer zugleich Valendienstag. Mittags Blumenkohl und Brokkoliröschen an heller Soße.
15.2. Überall Lutherjahr! Eine Kirche claimt auf einem Plakat direkt unter dem feisten Konterfei des Great Reformator: «weg. wahrheit. leben.» «Ja, weg», denke ich und frage mich, ob die ReklamedesignerInnen einen Spaß sich erlaubten – mit den Evangelischen!
16.2. 9 °C, Windstille, Sonnenschein und blauer Himmel – es lenzt. Idiotischer Gedanke in der Fußgängerzone: Smells like spring spirit.
17.2. Facebook erinnert mich an den fünften Jahrestag der Facebookfreundschaft mit Freund M., findet das was Besonderes und schlägt vor, wir sollen das feiern. Ja holt die Nutten rein, freilich wird das gefeiert! Verspüre Dankbarkeit, daß Facebook Freundschaft quantifizierbar und damit spür- und erlebbar macht. Gelänge das doch auch mit den Phasen «gesichtsweise», «bekannt» und «redet erstaunlich wenig Unfug, und wenn, dann absichtlich»!
18.2. Man kann den Frühling nun schon fast riaölkdjf [Verzeihung, ich mußte niesen]
19.2. Abends The Limits of Control des Independentfilmers Jim Jarmusch angesehen. Auffällig oft werden in Cafészenen zwei Espressotassen auf einem Kaffeetisch von oben gezeigt. Eine Selbstreferenz auf Jarmuschs Film Coffee and Cigarettes, in welchem er diese filmische Schrulle bereits ausgiebig einsetzt? Ja.
Diese beiden Filme rechtfertigen es, daß auf Jarmuschs Grabstein (ad multos annos et filmos!, freilich) dereinst gemeißelt sein soll: «Er filmt die Kaffeetassen jetzt von ganz oben.»
20.2. Heute nichts.
21.2. Amtsbezeichnungsverknappung wg. Twitter: Dabei klingt POTUS fast so dämlich wie BuPrä – aber soll nicht gerade letzterer die Würde des Staates verkörpern?
22.2. Im Regionalzug sitzt ein Mädchen mit einer schwarzen Mütze, auf die mit großen weißen Buchstaben gestickt ist: «VEGAN». Wie oft sie wohl gefragt wird, ob sie wirklich und komplett auf tierische Produkte verzichte?
23.2. Lustige Vorstellung: Man stelle sich im Bahnhofstunnel mit einem Ghettoblaster neben Zeugen Jehovas, die die aktuelle Ausgabe des Erwachet!-Magazins anbieten, drehe den Korn-Song ‹Wake up› auf und moshe dazu ab (der Refrain bzw. vielleicht der ganze Text des Lieds geht so: «Wake the foock-oooop!! Wake the foock-oooop!! (ad inf.)»). Wirkt am besten, wenn man einen oder zwei langhaarige Metalkumpels dabeihat. Mit mehr wirkte es jedoch gestelzt und gekünstelt und lenkte zu sehr von den Witnesses (die ja auch meist höchstens zu dritt sind) ab.
24.2. Mit neuem Look in den Frühling: Trage seit heute, nach über drei Jahren, den Scheitel nicht mehr von rechts nach links, sondern von links nach rechts. Hoffnung auf irritierte, unschlüssige Blicke der Freunde und Bekannten, so als stimme irgendwas nicht, wie keine Augenbrauen mehr oder sowas, wo man nie draufkommt. Beim Versuch, ein Wortspiel aus Scheitel und Seitenwechsel zu kreieren, leider gescheitelt.
25.2. Endlich wieder ein eigenes, ungeteiltes Distinktionsmerkmal innerhalb des Freundeskreises gefunden: In eine der hipsten Kneipen des Viertels gehe ich nicht gerne. Gewiß führt man dort eine sehr ansprechende Bierkarte und ist das Publikum ein sehr angenehmes. Aber es ist so bzw. für eine Kneipe zu eng! Steht man am Tresen, rempeln einen ständig die KlogängerInnen an und wetzen an einem vorbei, sitzt man dagegen an einem der Massivholztische, weiß man nicht wohin mit den Füßen vor Hunderten und Aberhunderten Tisch- und Stuhl- und Gästebeinen. Und die verschiedene Kitschsorten vereinenden, anscheinend wahllos zusammengerümpelten Retrochic-Accessoires an den Wänden wollen und wollen einfach nicht zusammenpassen.
26.2. «Ünited Stätes Toughens Image With Umlauts» titelte die US-Satirezeitschrift The Onion 1997. Ist es zwanzig Jahre später Zeit für den Salön du Frömage?
27.2. Die Blutprobenzentrifuge beim Arzt stellt sich mittels Aufdruck vor als ein Gerät der Firma Hettich Zentrifugen. Jaja, Hettich Zentrifugen, Könntich zentrifugieren.
28.2. Der Begriff Menschenaffe sagt über uns mehr aus als über diese (Aphorismus des Tages).


(Offenlegung: Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine bescheidene Hommage an Heinz Strunks allmonatlich in der TITANIC erscheinendes fiktionales Tagebuch Intimschatulle (Profi-Salon du Fromage-LeserInnen erkannten das freilich schnell). Heinz Strunk forderte mich dazu allerdings, sei’s nolens sei’s volens, auch auf, wie dieser Beitrag von neulich beweist.
Offenlegung 2: Extra im Februar gemacht, weil der nur 28 Tage hat.)