Nürnberg Ice Tigers vs. Kölner Haie

Disclaimer: Auch wenn ich gleich mit Eishockey-Fachwissen brillieren werde, ich habe Null Komma Josef Ahnung von Eishockey und war in meinem schon achteinviertel Legislaturperioden langen Leben vielleicht viermal «im Stadion».

Sonntag, 18.03.2018, Arena Nürnberger Versicherung, Playoff-Halbfinalspiel Thomas Sabo Ice Tigers Nürnberg : Kölner Haie

Das Wichtigste zunächst: Die Schiedsrichter, zumindest im Fußball «Schiris» genannt, müssen entweder mit glycerinfreier Superhandcreme ausgestattet werden oder wahnsinnig trockene Hände haben. Denn Handschuhe trägt von den vier Burschen keiner. Einer oder zwei davon müssen sogar immer den eiskalten Puck anlangen, weil ständig Bully gemacht werden muß. Früher, da haben wir den immer hingelegt, dreimal die Schläger gegeneinandergeschlagen und dann losgestochert. Wer hätte damals überhaupt schon Schiri machen wollen? Was die heute dazu treibt, keine Ahnung.

Ausgegangen ist es 2:4, die Nürnberger konnten ihre nach 22 Sekunden ergaunerte 1:0-Führung einfach nicht halten. Was zwischen dem 1:0 und dem 2:4 (9 Sek. vor Schluß, unumdrehbar!) passierte, ich weiß es nicht so genau. Denn ich war nach zwei Spielminuten schon völlig reizüberflutet. Unten aufm Eis ging alles drunter und drüber; wie sich da die Fachwelt Taktik, Können, System und/oder gar Strategie zusammenschwindelt, worüber dann reziprok dahergeschaftelt wird, davor ziehe ich meinen Hut. Immerhin ernähren sich davon Familien über Familien – die der Spieler, Trainer, Betreuer, Sicherheitsleute, Fangeraffelverkäufer/innen, Vereinsmeier, Maskottchen, und nicht zu vergessen die der Investigateure von Sky und des sonstigen Fernsehgartens.

Während also auf dem Eise ein komplettes Durcheinander als geordneter, planvoller Vorgang verkauft wird, jodeln auf den Rängen johlend die Fans, hauen einem die drei Vorschulbuben der Reihe hinter einem mit den gratis verteilten Playoff-Handtüchern in einer Tour in die Frisur – aber so sympathisch, daß du ihnen nicht böse sein kannst –, und dazu blinkt, lasert und LEDt die Werbung über die elektrischen Banderolen hinweg, daß es dir die Synapsen auseinanderschießt.

Überhaupt, die Fans: Wir sitzen in der Kurve, im Hintertor-Block neben uns die Narrischen, die Gäste-Fans. Einer hat ein Megafon und sitzt praktisch das ganze Spiel über auf der Geländerstange, den Rücken fast ganz dem Spielfeld zugewendet; der Kopf wandert ständig zwischen Spielfeld und Fanblock hin und her, man wünscht ihm, er hätte einen 360°-Nacken. Wenn der sich mal das Genick bricht, können ihm seine Maschinenbaukumpels sicher sowas anfertigen aus Titan, Keramik undsoweiter, nach Feierabend und zum Freundschaftspreis. Auf dem Kopf trägt er freilich eine Flexfit-Cap mit gebogenem Schild, so eins, das sich perfekt an den Kopf ranrundet. Was er den Rang hochamplifiziert? Unverständlich. Ob es wem auffallen würde, wenn die Batterien seines Lautsprechers alle wären oder er vergäße, den Knopf zu drücken? Darüber kann nur spekuliert werden.

Neben dem Megafonmann steht der Trommler. Einer, mit dem das Hornberger Schießen nicht ausgegangen wäre wie das Hornberger Schießen, sondern als Hornberger Massenrauferei in die Geschichte eingegangen wäre. Seine Schlegel hat er mit Lederriemen an den Handgelenken befestigt, einzelne Finger und die Handflächen, soweit ich das aus der Distanz überblicken konnte, mit Profitape abgeklebt. Jede Faser seines Körpers zum Zerreißen gespannt, die Zähne zusammengepreßt wie eine Frau bei der Entbindung; nachts braucht er bestimmt eine Knirscherschiene, weil er sich sonst die blitzweißen Riesen ins Gehirn hochmalmen würde. Die Lagerfachkraftsmetallgestellbrille, sie ist vielleicht an den Ohren oder wo festgeklebt, rühren tut sie sich jedenfalls – wiederum Disclaimer: Distanzbeobachtung! – kein Zehntelmillimeter. Trommeln tut er – trotz, da bin ich sicher, häufigen Übens bei den schwerhörigen, aber liebenswürdigen Großeltern im Keller – wie ein typischer Amateurtrommler: ein starker Arm und ein schwacher, der mitgezogen werden muß.

Apropos Frau bei der Entbindung: Als Gag für die Pausen hat man sich was einfallen lassen bei der Entertainmentabteilung, nämlich die «Kiss-Cam». Auf dem Videowürfel erscheint ein Kameraausschnitt in Herzform, außenrum Herzen und Kußmünder. In diesem Ausschnitt erscheinen Paare von Leuten, die offenbar Paare sind und sich dann küssen sollen. Bei einigen klappt’s ganz gut, kurzes Rotwerden und Schmusi; bei anderen wiederum gibt «sie» mittels Fingerschwenken zu erkennen, daß «er» sich das zwar ruhig einbilden könne, sie aber eben nicht zusammengehörten; bei wiederum anderen hat man den Eindruck, einer der beiden «müsse» halt und mache deswegen.
Ich brauche, wir sind hier im Eishockeystadion, nicht zu erwähnen, daß es sich um eine Hetero-Kisscam handelt, mache es aber trotzdem. Die Gründe sind leicht hererzählt: Schwule und Lesben gehen erstens eh nicht ins Eishockey. Zweitens, falls schon, dann sowieso nur ganz wenige. Drittens wollte man ja niemanden outen. Viertens und am wichtigsten: Müssen die ihre Orientierung unbedingt in der Öffentlichkeit ausleben? Es soll doch jede/r bittschön für sich behalten, mit wem er/sie rumtut. Das müssen sie doch nicht auch noch vor aller Augen kundtun. Außerdem sind Kinderaugen im Stadion, sollen deren Besitzer/innen vielleicht auch alle schwul/lesbisch werden?

Apropos Entertainment, wir schwenken wieder runter: Auf dem Eis geht es erstaunlich unbrutal zu. Während des ganzen Spiels nur ein paar wenige Male kurzes Rumgekoppe zwischen zwei Cufencracks, was immer sofort geschlichtet wird und sich nie zu einer vernünftigen Keilerei nach wütendem Handschuhwegwerfen ausarten darf. Insgesamt gibt’s nur um die drei 2-Minuten-Strafen, keine einzige Spieldauerstrafe. Außerdem kein Jota, Quatsch: kein Milliliter vergossenes Blut.
Überhaupt: Die Spieler. Ziemliche halbe Hemden mittlerweile. Während es früher durchweg Prackeln von Mannskrüppeln waren, ein jeder 115 kg bei nicht übermäßiger Körpergröße, nur grobschlächtigstmöglich zum Homo sapiens hinmodelliert, aber ums Haar dennoch vom Gorilla unterscheidbar, sind sie heute alle bestgewichtig, drahtig, sehnig, top-in-shape. Die Bierbank kracht da unter keinem mehr zusammen. Ob sie auch schon so gut reden können wie sagenwirmal Fußballspieler?

Mitgenommen habe ich jedenfalls durchaus etwas. Zum mindesten das unten abgebildete Playoff-Handtuch (vgl. Vorschulbuben), auf dem die als «Partner» angepriesenen Sponsoren der Thomas Sabo Ice Tigers aufgeführt sind. Ob die Nürnberger die Meisterschaft holen oder nicht (schaut, glaub ich, nicht so gut aus), diese Unternehmen sind auf jeden Fall Champions!

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