De profundis – das Facebbatical-Tagebuch (2)

01.07., Tag 4: Freund Josef Vitzthum legt gestern Abend in der Nürnberger Weinerei seine Lieblingshits aus Progressive Rock und Anverwandtem auf. «Der macht ja gar nix!», denke ich, als ich ankomme, die Musik munter läuft, Josef aber vorm Lokal steht, sich unterhält und raucht. Dabei hat der Hundling sich alles einfach vorher schon ausgedacht und zurechtgelegt, will sagen: den Laptop mit der fertigen Playlist eingestöpselt und dann Hände vom Lenkrad. Nur die Nebelmaschine, die muss er von Hand bedienen (und hat sich auch schon überlegt, wann er sie betätigt!). Wegen welcher ich mir beim Eintreten schon wie ins Ministrantische zurückgeworfen vorkomme, wiegt doch der Nebel das Lokal sakral in Weihrauchduft. Derart ins schon Soteriologische entrückt, hätte der scène Slayers «Disciple» gut auf die Register gepasst. (Man möge freilich einwenden: «He! Jetzt rückst du erst die Ministrant_innen ins Bild und jubelst uns dann heimlich mit den Disciples die Jünger unter! Das ist unlautere Textproduktion!» – «Na und? Erstens setze ich die Spatzenkinder der Motive auf die Äste meines Tagebuchstamms, wie ich will, und zweitens: Her mit einem vorspielbaren Lied über/namens ‹Acolytes›!»)

Die Playlist ist jedoch nicht am Sinai in Steintafeln gehauen worden, im Gegenteil: Flexibel und dynamisch reagiert Josef, der von sich selbst behauptet, mit zunehmendem Alter Flexibilität und Dynamik zu verlieren, praktisch seismographisch auf atmosphärische Änderungen («He! Seismographie und Atmosphäre geht gar nicht zusammen!»), die sich per Nebel in Wände und Boden übertragen («Was passt hier nicht?»), und hebt den Songscheibletten ggf. behend Unvorhergesehenes zwischen. Auf meinen während eines Lou Reed-Stücks plötzlich entstandenen und sogleich kundgetanen Bock hin, Faith No Mores «Motherfucker» hören zu wollen, lupft Josef die Tortenböden auseinander, um diese Sahneschicht noch einzustreichen. Vorbildlich! (Im Nachhinein weiß ich allerdings gar nicht mehr, ob er dem Bedürfnis entsprach, da ich nachfolgend einige Zigarettenlängen draußen stand. Aber was zählt, ist ja allein ein guter Wille!) Den Wunsch irgend eines Typen, den überhaupt kein Mensch kennt, hingegen pariert er mit elysisch-erhabenem, Quatsch: Arretiertheit vorspielendem: «Aah, die Playlist steht leider schon fest!» Vorbildlich!

Jetzt breche ich aber ab, gehe, es geht, Black Sabbath grüßen von der letzten Platte, auf 13 Uhr zu, in die Küche und frühstücke Disharmüsli und trinke Kakaophonie.