Ambitionen des Abiturienten

Adornos Abituriumsaufsatz gelesen («Die Natur, eine Quelle der Erhebung, Erbauung und Erholung», in: GS 20.2). Schon der erste Satz, «Das Wort ‹Natur› bedeutet in seinem allgemeinsten Sinne die Gesamtheit des unbewußten Daseins schlechthin», lässt die Münder offen stehen. Hat er sich das nun ausgedacht, von irgendwoher brav gemerkt, etwa abgekupfert oder gar einfach abgeschrieben? «A posteriori» (ders., später) deutet vieles auf ausgedacht oder wenigstens gemerkt hin.

Bald nach diesem Hammersatz verlässt er das (wahrscheinlich schon wieder fad gewordene) lexikalisch-definitorische Terrain und fährt wenig erbarmend gesellschaftskritisch fort, mit zart bereits grüßender unbarmherziger Kulturkritik, jedenfalls Kritik-kritisch im schon kantischen Sinne:
«Daß sich der einfache Mann unter der Natur den Wald vorstellt, zeugt lediglich davon, daß er unfähig ist, das Erlebnis der Natur in eine begriffliche Form zu fassen, und es darum mit einer rein sinnlichen Vorstellung zu bannen strebt.»
Sakrament, das sitzt schonmal – medias in res publicas! Ein Schelm, wer sich die Lehrkraft als einfachen Mann und Theodor (noch ausgeschrieben:) Wiesengrund als Schelm vorstellt.

Vollends in sich hat’s denn das Ende des Aufsatzes. So ein Abituriums-Aufsatz markiert «freilich» (a.a.O.), d.h. vielmehr: bekanntlich ja eine merkliche Zäsur, gar das Ende der ersten Phase der Wissenserlangung – und darum unterlässt der gedankenkraftstrotzende, wo nicht ein bissl -protzende Adoleszent Adorno es nicht, schon im drittletzten Satz den Gipfel möglicher Erkenntnis zu offenbaren, nichts weniger nämlich als den Sinn des Lebens:
«In dem Naturerlebnis vollzieht sich die Gestaltung der Welt im Ich: eine gestaltete Welt geht in ein gestaltetes Ich sinnvoll ein, leuchtend im Abglanz des Göttlichen. Die Welt aber im Ich zu gestalten, ist der Sinn des Lebens.»
Sauber! 1921 Jahre nach Jesu Geburt bloß brauchte es, bis einer drauf und dem Herrn dahinterkam! Wofür’s «freilich» (ders.) prompt einen Einser gab.

Und vor dem Horizont dieses fünfseitigen Aufsatzes nun erscheinen sämtliche anderen Werke und Aufsätze seiner Gesammelten Schriften von immerhin Stücker 20 Bänden als nichts mehr denn als mickrige Fußnoten; für Außenstehende notwendige zwar, aber mehr schon aber wieder nicht.