Der Junge und der Aufkleber

In der U-Bahn stand mir vor einiger Zeit am Mittag ein Schulbub gegenüber, wohl 12 Jahre alt, einen mordsschweren Schulrucksack im Flecktarndesign auf dem Rücken, Turnbeutel in der Hand, gekleidet in eine kindlich-ungestalte Kapuzenjacke, patchbewehrtes Shirt, Jeans, alles irgendwie in dunkelblau, unter dem Käppi stieben die Haare ringsum hervor, zwar noch nicht zu lang, aber dennoch sollt’s mal wieder zum Friseur gehen. Als er sich etwas zur Seite dreht, fällt mir der Aufkleber auf, der auf seinem Rücken klebt.

Kein Patch wie auf dem Shirt, der gehört da nicht hin. Ich beuge mich rüber, tippe ihn an und sage: »Du hast da einen Aufkleber aufm Rücken!« »Was?«, will er wissen, weil ich red’ manchmal so undeutlich und für den öffentlichen Raum zu leise. Bevor ich’s ihm nochmal sag’, zieh’ ich ihm den Aufkleber vom Pulli und gebe ihn ihm. Er stöhnt genervt und rollt die Augen an die U-Bahndecke. Ham sie es also mal wieder geschafft diese Hurensohn-Scheißewichser denen hau’ ich so eine rein, und ihm, dem plumpen Pausbackenjungen, eins aufgeklebt, Quatsch: ausgewischt. Voll peinlo scheise, so was in der Art wird er denken. Ich lehn’ schon wieder gegenüber, bei der nächsten Haltestelle fällt ihm ein, »Danke!« vergessen zu haben und ruft’s zwischen den Aussteigenden hindurch. Mein »Gerne!«, ich fürchte, er hört’s nicht.

Gerne – gern würd’ ich ihm auch sagen, es sei gar nicht tragisch, er brauche sich nicht zu genieren wegen des Aufklebers, keine normale Passantin würde ihn deswegen für einen Trottel halten, könne er ja nix dafür, auch nicht dafür, dass er aufm Rücken keine Augen hat; das komme halt mal vor und seine Zeit vielleicht auch noch. Gerne – aber heute bin ich einer der coolen Erwachsenen, der hilfsbereiten, der milden, gutherzigen, aber schweigenden. Von denen er nur zu wissen braucht, dass es sie auch noch gibt.