Der Seifenrest

Eine in der Generation Flüssigseife womöglich gänzlich in Vergessenheit geratene Kulturtechnik: einen Seifenrest auf einen neuen Seifenblock kleben, um das restlose Aufbrauchen zu erleichtern. Mit aufschnittdünner Seife seift es sich eben schlecht.

Was aber auch unter den Älteren kaum mehr bekannt ist, ist der eigentliche Grund dieses Geklebes. Denn der liegt weniger im restlosen Aufbrauchen, als vielmehr darin, dass – ähnlich wie bei der Brotherstellung aus Sauerteig, bei der die Milchsäurekulturen mittels Teigresten weitergegeben werden – die Reinigungskulturen von der alten auf die neue übertragen werden. Wer sich schon mal mit packungsneuer Frischseife ohne aufgeklebten Rest die Hände wusch, weiß: Es schäumt zwar seifig, dass es eine Freude ist wie eh und je, vom Reinigungszauber jedoch keine Spur.

Bei Flüssigseife gibt es dieses Problem nicht. Dafür ist die halt, wie so vieles heutzutage, auch pure »Chemie«.

Nachtrag: Auf Facebook entspann sich unter diesem Posting folgender Trialog:
A: »Übrigens: Lieblingsstellung Brotherstellung (?!)«
J: »ich denk das immer bei Brathering«
A: »Ich bei Wuthering Heights«
J: »mein gott«
S: »Wuthering Heights soeben für immer ruiniert 😳«
J: »f«
Die letzte Äußerung, f, stammt aus der Internet-/Meme-Lingo, ich weiß aber nicht, was es bedeuten soll. Zwar fragte ich schon mal nach und es wurde mir ›erklärt‹, aber ich habe es schon wieder vergessen.

Bügel: zugeklappt

Weil die Deutsche Post das Postkartenporto bald um 33,3% (!) von 45 auf 60 ct erhöht, möchte ich euch hier eine meiner liebsten Postkarten erzählen, die ich mal aufgab: Ihr Motiv ist ein Rattelschneck-Cartoon, zwei Männer mit Brille auf der Nase gehen darin ein Trottoir entlang, der eine hat aber die Brillenbügel noch zugeklappt, er sagt: »Hatte heute noch keine Zeit, die Bügel aufzuklappen«, und, ja, das war’s schon, ich warte jetzt die Entscheidung der Bundesnetzagentur über diese Schamlos-Erhöhung ab.

Dies ist nicht Thorsten Brehm

»Ich bin Thorsten Brehm weil mir die Zeit für Behördengänge fehlt und ich lieber per Mausklick Dinge erledige.«

Hä?, dachte ich im Vorbeigehen, wo ist denn da die Kausalität, die das »weil« anzeigt? Ist er nicht sehr viel wahrscheinlicher Thorsten Brehm, weil jemand ihn so nannte oder er sich den Nachnamen evtl. erheiratete?

Eine Internetrecherche und 10 Minuten später weiß ich: Der Typ auf dem Plakat ist gar nicht wirklich Thorsten Brehm, sondern Abziehbild junger urbaner, mit allem einverstandener und wertvoller Kreativität. Thorsten Brehm ist er nur im Sinne von »je suis Thorsten Brehm«, und zwar in einem recht verzerrenden Sinne davon.

Der echte Thorsten Brehm sieht laut spd-nuernberg.de ganz anders aus, bartlos, schon recht haarlos und eher eierköpfig mit Balkenbrille. Er ist Nürnberger Stadtrat, SPD-Ortsvorsitzender und Oberbürgermeisterkandidat 2020. Was mich erstaunt: Obwohl er zehn, zwölf Jahre älter wirkt als ich, wurde er nur zwei Jahre vor mir geboren. Wie SMV-, Juso- und SPD-Mitgliedschaft im Verein mit dem Studium der Sozialwissenschaften und dem ab-und-annigen Schwingen des Badmintonschlägers einen also zurichten, es tut mir leid. Ihm ist das offenbar bewusst, und so lässt er sich nicht nur lieber auf dem Plakatmotiv vertreten, sondern zeigt sich auf seiner Kampagnenwebsite erst nach ein paar Dezimetern Gescrolle unter allerhand anderen Kampagnen-»Gesichtern«.

Das »weil« drängt die Frage auf: Sitzen in den Parteiwerbeagenturen seit neuestem Leute herum, die Sachen sagen wie: »Hey Leute, lasst uns doch in den nächsten Kampagnen mal ein wenig mit der Logik spielen! Damit können wir die target people auch mal krass herausfordern und zum Recherchieren bringen!«? Der »weil«-Schmarrn auf diesem Plakat steht ja beileibe nicht alleine da. Die Grünen etwa verstiegen sich zur EU-Wahl reflexionslogisch zu »Europa. Die beste Idee, die Europa je hatte« und die FDP widersprach sich selbst mit: »Weil wir Europa lieben, wollen wir es verändern.«

Warum solcher Quatsch dieses Jahr so massiert daherkommt und warum die SPD neun Monate (!) vor der Wahl ihren OB-Kandidaten in von vorne bis hinten unverständlicher Weise »bewirbt«, ich weiß es nicht. Was ich weiß: (1) »Je suis [irgendwas/-wer]« bedeutet uneigentliche Identifikation als Ausdruck von Anteilnahme/Mitgefühl, keinen schnöd reklamösen Allgemeinsupport; (2) es müsste »weil … ich Dinge lieber per Mausklick erledige« heißen; (3) niemand sollte die SPD weil

Kurz notiert (49)

1300 v.u.Z. – Als die Bronze den aufrechten Gong erlernte

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»Dumm sein und Arbeit haben und länger als vier Stunden am Stück schlafen können: / Das ist das Glück.«
Gottfried Penn, Quatsch: Benn

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Aceton⚡️Dceton

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Die Philologen haben die Literatur nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern. (Marx, Thesen über Feuerbach)

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Wie blöd schon mal jemand geheißen hat: Hermann Freiherr von Schlagintweit-Sakünlünski

»Hermann Freiherr von Schlagintweit-Sakünlünski?! He, so heißt doch niemand, das denkst du dir doch wieder aus!« Aber hallo hat schon mal jemand so geheißen: Hermann Schlagintweit (1826–1882) nämlich. Auf diesen Namen wurde der Sohn eines ordinären Augenarztes zumindest getauft. »Und den restlichen Namensschmarrn hat er sich dann einfach zusammenerheiratet…« Keineswegs, mein Freund, mühsam zusammenklauben musste er sich den:

1859 wurde er in den bayerischen erblichen Adelsstand erhoben (»Hä?«) und konnte seinen Namen von Stund an mit dem vornehmen »von« spreizen. »Ja, dann ist der Rest ja leicht: Eine Frau Sakünlünski geheiratet etc…« Nein!, gerade das ist der eigentliche Hammer: Den Fortsatz »Sakünlünski« hatte er 1855 von der literarischen Societät Kasan (der heutigen Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland) erhalten, weil er Übersteiger des Kunlun, einer Gebirgskette in China gewesen war. »Das heißt, er war Erstbesteiger?« Nein, allem Anschein nach nicht, sondern bloß popeliger Übersteiger; was jene allerdings nicht davon abgehalten hatte, ihn entsprechend ehrenzubenamsen, und was Schlagintweit nicht zu peinlich war, sich fortan damit zu schmücken.

Fürderhin versuchte er also als Hermann von Schlagintweit-Sakünlünski bei den Frauen zu reüssieren. Was ihm scheint’s nicht erfolgreich gelang, denn weder von einer Ehefrau noch von Kindern ist irgendwo die Rede. »Bevor du jetzt in die üblichen Vulgaritäten abgleitetest: Ein Hermann von Schlagintweit-Sakünlünski ist fei noch kein Hermann Freiherr von Schlagintweit-Sakünlünski!« Ja, aber dafür müssen die Frauen in die Erklärung gekommen sein: Recht wahrscheinlich weil ihn sein anhaltender amoureuser Misserfolg – in den Blütejahren seines Lebens! – nicht kaltließ und er sich nicht eingestehen wollte, dass sein ständiges Rumgereise und -forsche in Asien keine so recht becircen mochte, ließ er sich 1866 in den Freiherrenstand erheben und promenierte künftig als Hermann Freiherr von Schlagintweit-Sakünlünski seinem Liebesglücke entgegen. Weiterhin erfolglos zwar. Ende.

Die gute Nachricht: Vortrag in Berlin

Die gute Nachricht: Vom 21.–23.6.19 findet an der HU Berlin das Symposium »Ästhetik nach Adorno. Autonomie, Kritik, Versöhnung« statt – und ich bekam die Zusage, dort vortragen zu dürfen.

Worum geht’s da? Call for papers: hier. Website mit Programm etc.: hier.

In meinem Vortrag wird es um die Neue Frankfurter Schule und Theodor W. Adorno gehen; das »Orga-Team« (örks) freute sich, dass jemand mit dem akademisch unterbeleuchteten Thema Satire um die Ecke kommt. Ha! Hier das Abstract:

»Es gibt kein richtiges Leben im valschen«. Elemente Kritischer Theorie in der Neuen Frankfurter Schule am Beispiel von Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid

Die Neue Frankfurter Schule (NFS), eine Gruppe von ursprünglich acht Zeichnern und Schriftstellern der komischen Kunst, steht im deutschsprachigen Raum wie keine andere für Satire und Komik. Sie zeichnet neben dem Nischenmagazin Titanic für zahlreiche literarische und zeichnerische/graphische Veröffentlichungen verantwortlich. Der Name Neue Frankfurter Schule ist allerdings keine bloße Verballhornung von »Frankfurter Schule«: In den Werken der NFS zeigt sich an vielen Stellen der Einfluss der Kritischen Theoretiker.

Anhand exemplarischer Textpassagen der NFS-Gründungsmitglieder Robert Gernhardt und Eckhard Henscheid sowie Theodor W. Adornos soll das Verhältnis der NFS zur Frankfurter Schule sichtbar werden. Dieser Versuch schließt die Frage nach dem künstlerisch-kritischen Impetus von Satire überhaupt ein. Im Kern steht der Gedanke, dass die NFS sich in kritisch-theoretischer Manier nicht blank positiv auf die Frankfurter Schule beruft, sondern auf durchaus ambivalente Weise.

Ich spreche am Samstag, dem 22.6.19, um 17.15 Uhr in der Vierten Welt, Zugang über die Außentreppe Adalbertstr. 96, 10999 Berlin.

Kurz notiert (47)

Lampion, aber als elektrisch geladenes Lampatom

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*schiebt etwas auf die lange Bank*
lange Bank: »He der lügt, ich war das gar nicht! Der war das selber!« [naja…]

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Betäube mich mit Lidocain und Abel

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*schreibt eine Erzählung ab avocado*

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bahamas

Obwohl mein alter Titelvorschlag für einen eventuellen Relaunch der »Ideologiekritik«-Zeitschrift bahamas (»bahamas. Hausarbeiten gegen die Herrschaft«) bis heute seiner Umsetzung harrt, habe ich mir jetzt einen neuen überlegt: »bahamas. Ide~yolo~giekritik pour l’homme«.

Klassikradio & Metallica

Auf BR Klassik spricht einer über eine Band seiner Jugend: Metallica. Denn auf Nachfrage der Moderatorin ›gesteht‹ er ein, auch Metal zu mögen. »Aber nicht dieses ganz krasse Zeug, natürlich.« Freilich geht es dann nur um »Nothing Else Matters«, Metallicas symphonisch unterlegten, hehe: Klassiker.

Der Typ (ich habe erst mitten im Interview reingekurbelt und weiß daher gar nicht, wer oder was er ist) erzählt dann – ganz Profimusikant – von der Entstehungsgeschichte dieses Songs. James Hetfield sei eben dieses einleitende Arpeggio eingefallen (bei dem er notabene nur ein paar leere Seiten anzupft), wusste aber nicht recht, was damit anfangen. »Also ging er damit zu seinem Perkussionisten, Lars Ullrich,« und dann blablabla.

James Hetfield, der Mann an der electronisch amplificirten κιθάρα (Kithara), und Lars Ullrich, der Perkussionist, genauer: der Meister über die Membranophone und broncenen Aufschlagidiophone (vulgär: Klangteller, straße: Becken) – wo kämen wir hin, wenn wir sie im Bildungsbürgerradio wahrheitsgemäß als lärmende Saufproleten describirten!

LG Andreas Maria Lugauer, Scriptor Populi et Libri Faciei

Kurz notiert (46)

*schaut nach dem Aufstehen in den Spiegel und hat Gerstenkornkreise im Gesicht* 😱😱😱

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Dumplings heißen übrigens Dumplings, weil es einfach teigumhüllter Küchenabfall ist

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Über Leute mit stark schuppender Haut heißt es in Schweden, sie seien nah am Wasa gebaut.

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Bartöle vs. Bartöle

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Reisekostenabrechnung

Die Reisekostenabrechnungsstelle hat einen Antrag auf Reisekostenabrechnung zurückgeschickt, weil ich fälschlicherweise auf der linken Blattseite direkt unter »Erlangen, den …« unterschrieben hatte und nicht – wie vorgesehen – auf der rechten Blattseite über der vorgegebenen gestrichelten Linie. Es tut mir leid, ehrlich.
Ich habe jetzt zusätzlich auf dieser Linie unterschrieben und bete, dass die Reisekostenstelle es akzeptiert.

Dasselbe

– »Was auch nicht mehr weggeht: vom Wort ›dasselbe‹ den ›dassel‹-Part aussprechen wie ›Kellerassel‹ hinten.«
– »Als Ausgleich dafür ›Kellerassel‹ dann ›Kelle-Rassel‹, dann geht’s wieder.«

(Fühlte sich beim Schreiben an, als käm’s aus einem Rattelschneck-Comic.)

»Sohn, was ist nur los mit dir?«

»Sohn, was ist nur los mit dir? In deinem Alter waren andere schon Bundeskanzler von Österreich, haben das Leben von praktisch allen Menschen des Landes schlechter gemacht sowie unter anderem das Innenministerium und die Geheimdienste Neonazis überlassen – und du? Freust dich in meiner geburtstaglichen Kaffeerunde wie ein Blödian über Franz’ Versprecher ›Staubsaugerreporter‹?! Schämst du dich denn nicht!«
»Ja, freilich, schon… Aber sag: Der Staubsaugerreporter schnüffelt wohl jeden Dreck auf, lässt ihn dann aber doch einfach liegen, oder nicht :D«

Kurz notiert (45)

Frankfurt/M kenn’ ich wie meine Westendtasche!

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Logik-Metal-Band NEW ODER 

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Warum gab es nie eine Kollabo der 90s-Boyband O-Zone mit Courtney Loves Grunge-Band Hole???
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Kantianerinnen (w*m) kürzen »Amazon Prime Original« übrigens gern mit AmazPriOri ab

Walter Benjamin’sche Hemmung

Nachts auf dem Nachhauseweg lag – ein selten Ding! – eine leere, tailliert eingedrückte Getränkedose auf dem Trottoir (Fanta normal). Ich hab sie leider nicht lässig weggekickt. Denn eine Hemmung hatte mich befallen wie Bart Simpson an der Zwille, als er graue Schuluniform tragen musste.

Die Hemmung wehte vom Paradiese her, die sich in meinen Flügeln verfangen hatte und so stark war, dass ich sie nicht mehr schließen konnte. Diese Hemmung trieb mich unaufhaltsam in die Zukunft, der ich den Rücken kehrte, während der Getränkedosenhaufen vor mir zum Himmel wuchs. Das, was wir den Fortschritt nennen, war diese Hemmung.

Kurz notiert (44)

Verbraucherin aber als eine, die getrocknete Tunwörter quarzt

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*speichert lustige Bilder auf der XD-Card*

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The Staumelder Scrolls: Akinesia

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Welche ist die allerlauteste aller italienischen Städte?
Palärmo

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