Herr Biernoth

08.09.2021 • Hier im Haus gibt es Unklarheiten bezüglich des Schlüssels zum Heizungskeller. Bei der Spontanversammlung einiger Bewohner*innen im Treppenhaus schießen mir unappetitliche Szenen aus »Werner – Beinhart!« durch den Kopf.

Wenn jemand astreine Schlammlöhrer in Rücklage ausm vierten Stock macht, gehe ich natürlich live.

Offenlegung

Bald 20 Jahre danach, und noch immer denke ich beim Anblick von Tagesschau-Sprecher Jens Riewa: »Ah, das ist doch der, der über die Schlagersängerin Michelle gesagt hat: ›Michelle ist im Bett eine Granate!‹« Menschenskinder, die »Bild«-Leserei in der Realschule hat mich schon auch was ramponiert.

(Seriöseren Boulevardmedien wie Dem Spiegel entnahm ich jetzt, dass Riewa das so nicht gesagt haben will; das sei nicht sein Sprachgebrauch.)

Großstadtfeuerwerk

Da bin ich aus ursprünglich der niederbayerischen Provinz in die Nobelstadt Hannover gezogen, aber das Feuerwerk, das hier beim Herbstrummel am Schützenplatz jeden Freitagabend gegen 22 Uhr abgefackelt wird, ist das Hintlerwäldlerischste, das ich je gehört hab (sie schießen nicht hoch genug, als dass ich es vom 2. Stock aus sehen könnte). »Hauptsach vui!«, scheint man sich zu denken und lässt drittelstundenlang eine stahlorgelnde Artillerie im Maschinengewehrstakkato rattern, wie sie sonst nur als Großmännischkeit camouflierte bajuwarische Minderwertigkeitskomplexe hervorzubringen imstande sind.

GENDER-ALARM !!! (2)

22.08.2021, 10:51 Uhr | In dem altkatholischen Gottesdienst, der gerade vom Deutschlandfunk übertragen wird, hat der Pfarrer bei der Predigt 🚨GEGENDERT🚨 – nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti seien viele »Helfer_innen« am Werk! So soll uns die Gendergagasprache also auch über die Kirchentür »aufgezwungen« (F. Merz) werden! Armin Laschets Vertrauter Nathanael Liminski (CDU NRW) holt bereits den Exorzismuskoffer.

Zur Stunde ist noch nicht klar, ob der Apostat Gendergaga-Gap, Gendergaga-Binnenmajuskel, Gendergaga-Schrägstrich oder gar den Gendergaga-Star verwendet hat. Update, sobald das haeretische Predigtmanuskript vorliegt. Die binnenverbale Sprechpause war aber besonders lang! 🚁🚁🚁 VADE RETRO SATANAS! ✝️

GENDER-ALARM !!! (1)

10.08.2022 | In der Deutschlandfunk-Morgenandacht heute früh hat die Kölnerin Vera Krause von der Katholischen Kirche 🚨GEGENDERT🚨 – die Bibel sei von »Autor*innen« geschrieben worden! So soll uns die Gendergagasprache also »aufgezwungen« (F. Merz) werden! Armin Laschets Vertrauter Nathanael Liminski (CDU NRW) ordert bereits Holz.

* Zur Stunde ist noch nicht klar, ob sie Gendergaga-Gap, Gendergaga-Binnenmajuskel, Gendergaga-Schrägstrich oder gar den Gendergaga-Star verwendet. Update, sobald das Transkript vorliegt.

Maschinell „übersetzt“

Diese Produktbeschreibungen anderssprachiger Hersteller auf Amazon etc. – maschinell „übersetzt“, von niemandem gegengelesen, blindlings einfach reingehauen, weil »die Leute wissen eh, was gemeint ist« –, sie treiben mich noch in den Wahnsinn. Mit Gebrauchsanweisungen ist es dasselbe.

Und aus der Tastatur der Werbe-Content-Creators von Facebook et al. hieße der letzte Satz »Bei Gebrauchsanweisungen, ist es dasselbe«. Dieses präverbale Depperlkomma aus dem Reiche der Prosodie statt der Syntax, mählich ruiniert auch es mich zerebral, und leicht 80 % aller Deutschlehrer*innen der neuesten Generation wüssten nicht mehr zu sagen oder gar begründen, ob da eins hinmuss oder nicht.

Geht’s doch alle scheißen.

Kennst du niederbayerische Diözesen?

Am stolzesten beim Aiwanger-Telefonterror in TITANIC 09/2021 bin ich übrigens hierüber: Im Gespräch mit Theo Waigel jubilierte ich auf seine Frage, in welcher Diözese denn Aiwangers Wohnort läge, nach etwa drei Sekunden Schockstarre »… das ist Freising bei uns« ins Telefon.

Bei dieser Frage dachte ich im ersten Moment, jetzt wäre es vorüber und Waigel »hätte« mich. Aber weil Aiwangers Wohnort meines Wissens irgendwo in der Nähe von Landshut liegt, versuchte ich es aufs Geratewohl mit dem nächstgelegenen Ort, der Zentrum einer Diözese sein k ö n n t e . Und traf ins Schwarze, ha!

Wie ich nachträglich nachgeschlagen habe, stimmt Freising zwar gar nicht – Aiwanger gehört zur Diözese Regensburg –, aber auf bayerische Diözesen musst du erstmal kommen, selbst wenn du in der Diözese Regensburg aufgewachsen bist und bis 16 Ministrant warst.

Reminiscing Einschulung

Aufs Datum genau heute vor elf Jahren wurde ich auf dem Nürnberger Hermann-Kesten-Kolleg eingeschult, wo ich mein Abitur nachgeholt habe. Als ich zwei Mitschülern in einer Pause mal dahererzählte, die geläufige Abkürzung dieser Schule, HKK, hätte bis 1945 für »Hakenkreuzkolleg« gestanden, erntete ich cum una voce ein erstauntes: »Echt jetz?!«

Empirische Medienwissenschaft

Diejenige Wissenschaft, die mich bei der Beschäftigung stets etwas dümmer gemacht hat, ist die (fast) ausschließlich empirisch arbeitende Medienwissenschaft. Nie habe ich da auch nur einen klugen Gedanken, oder gar einen Gedanken überhaupt gelesen. Immer nur Collagen aus Statistiken, Marktanteilen, Umfragen und Sendungs-, nein: Formatbeschreibungen.

Leute, die sich wissenschaftlich mit beispielsweise Talkshows oder anderem TV-Müll auseinandersetzen, sind immer exakt so dumm wie diese Formate selbst. Ihr größtes und logischerweise ungelöstes Problem ist, ob sie in ihren Aufsatz- und Buchkacken nun »Reality-TV«, »Reality TV« oder »reality tv« schreiben sollen.

Alles, was solche Medienwissenschaftler*innen können, ist, sich mit Schlüsselbändern drei USB-Sticks um den Hals hängen und in ihren PowerPoint-Präsentationen mit Abbildungen aus Hans Meisers »Notruf« die Folien nicht mit Maus oder Tastatur weiterschalten wie Normale, sondern mit einem Presenter zum Herumlatschen incl. Laserpointer, und freilich haben sie strebermäßig immer geladene Batterien drin, die sie, wenn leer, in den Boxen nach den Discounterkassen entsorgen.

Jemand hat ihnen mal erzählt, dass in den USA polizeiliche Verfolgungsjagden im Fernseh gezeigt werden, und davon haben sie auch mal was auf Videokassette gesehen. Tragen tun sie hässliche Sakkos oder Blazer und statt Frisuren haben sie einfach gestutzten Haarwuchs. Fressen tun sie zwischendurch Fertigsandwiches aus durchsichtigen keilförmigen Plastikschachteln vom Yorma’s am Bahnhof, die sie in der Früh nachm Aussteigen aus der S-Bahn mit Kopfhörern in den Ohren und zwei USB-Sticks um den Hals gekauft haben.

Ihre Schuhe sind bestenfalls so Lederschaluppen zum Reinschlüpfen oder widerliche Deichmannpflunzen mit viel zu langen Schnürsenkeln. In ihren Texten differenzieren sie erstmal bzw. systematisieren und dann sagen sie, das gehört dazu und das gehört dazu, und ein Fazit braucht’s gar nicht, denn es ist ja schon alles aufgeschrieben.

Statt dass sie Wahlwerbespots als das bezeichnen, was sie sind – höchst alberner und leerer Lug und Trug und als bloße Form ihr sich selbst anklagender Inhalt –, und so behandeln, wie sie es verdienen – mit völliger Nichtbeachtung –, hocken sie sich alle vier Jahre hin und schreiben Analysen darüber, wie Christian Lindner in Schwarz-Weiß macht und warum Die Grünen immer so extrem unästhetische Plakate mit vorne und hinten nicht zusammenpassenden Farben machen.

Kleine und Kleinstparteien existieren nur, weil Medienwissenschaftler*innen ihnen auch mal 0,01–4,9 % Platz in ihren Texten und Vorträgen einräumen. Am allerschlimmsten sind sogenannte Medienethiker. Sie haben mal eine Vorlesung Moralphilosophie ins linierte Schulheft geschrieben und das Buch »Ethik für Dummies« wegen des schönen Umschlags im Regal stehen. Den Rest haben sie sich mit Blinkist-Zusammenfassungen draufgeschafft.

Deswegen sagen sie in die Fernsehkamera »Was der und der macht, ist moralisch natürlich problematisch, aber es ist nicht verboten«, und was wolltste da machen, nech. Auf ihren Windows-Desktops mit der grünen Wiese sieht es aus wie Sau, weil noch Verknüpfungen von lauter alten Studi-Präsentationen herumliegen.

Auf ihren Tagungen müssen fünfmal so viele Bahlsen-Gebäckschälchen herumstehen als anderswo, auf Tellerchen oder in anderes Porzellan brauchst du die nicht umzuschichten, weil sie nur an Schoko, Fett und Zucker interessiert sind. Als ›Kaffee‹ kannst du ihnen irgendeine viel zu dünne oder viel zu dicke teerige Brühe in die ekligen Kannen schütten, sie saufen ihn gleichwie aus ›abgespülten‹ Tassen mit Alträndern unten drin.

Die Teebeutel kannst du wieder mitnehmen und das heiße Wasser in den Ausguss gießen, aber der eine da hat sich schon mal ne Tasse Grünen gebrüht (und den Beutel dann neben den fehlenden Mülleimer geschlonzt, wo er heute noch klebt). In jedem ihrer Texte steht Jürgen Habermas’ »Strukturwandel der Öffentlichkeit« im Literaturverzeichnis. Die zwei Stellen, die sie daraus indirekt zitieren, sind, mit einem gelben und einem lilanen Page-marker versehen, zum Aufschlagen bereit.

In den Lustigen Taschenbüchern fanden sie die Mickey-Mouse-Geschichten immer am tollsten. Noch in den Dissertations-Verteidigungen fragen sie die Prüflinge nach dem Unterschied zwischen Struktur und System, weil sie in den mündlichen Proseminar-Prüfungen noch nicht genug Spaß daran hatten.

Die Medienwissenschaft ist die Fach-gewordene SPD. Sie tut zwar so, als sei ihr einziges Anliegen die Erkenntnis, was sie progressiv mache. Aber eigentlich ist sie bloße »Wissenschaft« wie z. B. die sogenannten Wirtschaftswissenschaften, und daher rotlackierte CDU.

Bayerische »Sommer«ferien

In Bayern finden die Sommerferien stets von Ende Juli bis Mitte September statt. Den schönsten Teil des Sommers hocken die Schüler*innen noch in der Schule, es ist schon Notenschluss gewesen, es werden nur noch Filme gekuckt, demütigende Sport»feste« abgehalten, niemand scheißt sich mehr was und nach vier Stunden ist hitzefrei; vorher schwitzen alle die Schule voll, dass die Wände feucht werden.

Warum das so ist? Damit die Schüler*innen im Agrar- und Bauernfreistaat Bayern im August bei der Ernte helfen können. »Aber für die Ernte schickt der Landwirt seine Fahrzeuge und Maschinen doch mittlerweile vom Bett aus per iPad auf die Felder, da brauchen doch keine Kinder mehr einen Pflug zu ziehen oder sich mit Dreschflegeln zu verprügeln!«

Als ein Großteil der Kultusminister, in deren Bundesländern die Sommerferien in gegenseitiger Abstimmung jedes Jahr wann anders stattfinden, letztes Jahr darauf drängten, Bayern solle sich an diesem flexiblen Sommerferienterminsystem beteiligen, beschied sie der bayerische Landesvater Markus Söder mit ca. den fränkelnden Worten: »Des ham wir scho immer so gmocht. Des basst scho und des bleibt etzadla auch so.«

Merwürdig, dass aus so vielen Schüler*innen irgendwann doch CSU-Wähler*innen werden. Naja, dann weiterhin viel Spaß im Freibad bei wechselhaften 19 °C und ab Ende August gar nicht mehr.