Der Heizer

Lieber Franz Kafka,

 

hattest Du der Welt Deine Leiden mit Deinen Texten nicht schon genug heimgezahlt? Musste fast hundert Jahre nach Deinem Hinschied noch eine Deiner Figuren die WG-Waschmaschine zerstören?

 

Herzlichst, Dein
Andreas Maria Lugauer

 

Kleiderschrank; Verschwörungstheorie

Kürzlich von einer Privatperson einen Kleiderschrank abgelöst. Solide Mittelschicht, Doppelhaushälfte in ruhiger Familiengegend, zwei, drei Bakfietse in der Nachbarschaft, zwei kleine Kinder, Rasen im Garten heuer nicht so gut und wird wohl auch nicht mehr, aber was willste machen mit den Kindern, beim Nachbarn drüben schon ganz anders. Gemeinsamer Schrankabbau mit dem Verkäufer, Akkuschrauber Bosch, Ziploc für alle Schrauben und so. Lockeres Gespräch, Herkunft, was macht ihr, disdas. Nach 25 Minuten Thema Corona, logo, nee, keine Fälle in den eigenen Kreisen. Bei Minute 40 fallen sie dann, die magischen Worte:
»Ich bin ja kein Verschwörungstheoretiker, aber …«
… es sei auch nur ein Virus und auch nicht gefährlicher als andere Viren und vorstellbar sei es ja schon, dass da auch anderes dahinterstecke. Meine Freundin und ich wechseln unsichtbare Signale, das Gespräch wird woanders hingelenkt, ja wie machen wir jetzt am besten weiter mit dem Abbau, haha ja Ikea und die Schrankrückwände haha *lach* Er ist sehr hilfsbereit und geht gut zur Hand beim Einräumen ins Auto. Danke, tschüss!

Orangensaft; Norddeutschland

Seit kurzem wohne ich in Norddeutschland und schon entdecke ich die ersten Tollheiten. Z.B. dieses Orangensaftgebinde mit Fassungsvermögen  1 , 3 5  Liter  bzw.  6  3 / 4  P o r t i o n e n .

Wer denkt sich sowas aus. Welche total verrückten Überraschungen mag diese Region noch so bereithalten.

Leichte Wut aber walkt in mir hoch bei der Lektüre zweier Hinweise auf dem Etikett: »(Das Orangenblatt liegt hier nur fürs Foto und darf nicht in die Flasche.)« und die Klammerbemerkung in »Diese Flasche besteht zu mind. 30 % aus recyceltem Plastik. Bitte recycle sie wieder (erst austrinken).« Für wen hält der Hersteller seine Kund*innen.

Norddeutschland 1 – Andreas 1

Stüssy; Niederbayern

In meiner Jugend wollte ich Teil der Skatekultur sein. Skateboard fahren konnte ich nicht. Riefe Eric »Do a Kickflip!« Koston mir zu: »Do an Ollie!«, ich könnte heute noch nur verschämt weglachen. Aber Stunt Skates, auch genannt Aggressive Skates, also solche zum Grinden, hatte ich und ›stand‹ in der Alte-Leute-Dorfsiedlung auf von Vater zusammengedengelten Rails und Curbs auch den einen oder anderen Trick. Die etwa drei Jahre, die ich das machte, gingen gänzlich ohne Verletzung rum, obwohl ich die Skates derart läppisch locker schnürte, dass es »schnürte« heißen müsste und ich ohne Senkelöffnen raus- und reinsteigen konnte; weil ich wollte mich so gut es ging reinlegen können aufm Rail.

Im Straubinger Skateshop »77 Sunset Strip«, genannt Seventyseven, bewunderte ich in den Auslagen all die coolen Skateboard- und Klamottenmarken. Carhartt und Vans und Adio und wie sie nicht alle hießen. Und Stüssy.

Jetzt, 20 Jahre später, schauen Freundin und ich gerade Season 3 der Serie Fargo, worin einige wichtige Figuren den Nachnamen Stussy tragen. Ausgesprochen: [stassi]. Und es dämmert mir: Lag ich all die Jahre falsch mit der zumindest mental so getätigten Skateboardmarken-Aussprache [stüssi]? Ja. Indes die englische Wikipedia und das restliche Internet entgegen der Fargo-Aussprache sagen, es werde [stuːsi], also in etwa STOO-see ausgesprochen. Jedenfalls nicht [stüssi].

Mit 11, 12, 13, 14 Jahren aber wusste ich noch nicht um die im Englischen phonetisch bedeutungslosen Röck Döts wie in Motörhead, Mötley Crüe oder Queensrÿche. Und sagte eben, wie alle Normalen: [moutörhäd], [mötlai crü] und Queensrÿche kannte ich noch gar nicht. Woher auch.

»Die Bravo gabs bei uns am Dorf nicht«, antwortete der stellv. bayerische Ministerpräsident und ebenfalls in Niederbayern aufgewachsene Hubert Aiwanger kürzlich dem stalinistisch-genozidalen Sozenbengel Kevin Kühnert auf Twitter (zum Thread). »Wir waren sozusagen bewahrt von all dem, was Sie in Ihrer Jugend in Berlin aushalten mussten.« Woraufhin Kühnert, der ein bewunderns- wie beneidenswertes Twittergame fährt, das bekannte Söderfoto vorm FJS-Jugendzimmerposter postete mit dem Kommentar: »Bitter! Sie hatten also nie einen Bravo-Starschnitt an der Wand… 😥« Was den gesunden Volkskörper Aiwanger veranlasste zur Antwort: »Nein. Keine beklebten oder beschmierten Wände. Geweißelt.« Weil’s beim Hubert schon innen im Kinderzimmer aussehen und zugehen musste wie später im repressiv durchkonformierten Dorferscheinungsbild.

(Offenlegung: Die Bravo gab’s bei »uns« »am Dorf« schon, und zwar beim Loibl-Bäcker an der Hauptstraße sehrschräg gegenüber der Pfarrkirche, aber da standen solche interessant-aufklärerischen Dinge halt auch nicht drin.)

Verschwörung (1)

Einmal postete ich unbedarft wortspielelnd »Wer ist das Who-is-who der WHO«, und jetzt kommt raus: Bill Gates 🤡


Please note: Ich finde das Posting wegen Facebooks urschlechter Suchfunktion nicht mehr – da steckt bestimmt Bill Gates dahinter 😡😡😡

For  r e a l ?!

Was mir soeben, am 30. April im Jahre 2020 unseres Herrn Jesus Christus um 10:07 Uhr, im Alter von über 30 Jahren, bei der Lektüre auffiel: das Adjektiv real geht etymologisch zurück auf das lateinische Super-, i wo: Universalwort für praktisch alles, was ist: rēs ›Sache, Ding, Wesen, Angelegenheit, Ereignis, Erscheinung, Interesse, Vorteil, Rechtssache‹. Und das ist ja auch völlig logisch und komplett naheliegend! Ich überprüfte es freilich sogleich, entsprechend der Germanistenpflicht, im DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache) und klar, logo, ist es auch so. Ich meine: Wortstamm re- + Adjektivsuffix -al und das Wort res, Akk. rem, Gen. rei – das k a n n ja nur nix wie zusammengehören!

Also manchmal frage ich mich schon, ob ich einfach ganz besonders deppert und integral bescheuert bin und allen anderen solche s i m p l i c i s s e s t e n Sachen von Haus aus klar sind, oder ob es bei denen im Hirnstüberl ebenso zappenduster ist wie bei mir bis eben, oder irgendwas dazwischen.

Meine drei zuletzt gesehenen Serien

Unbreakable Kimmy Schmidt (Netflix): Kimmy Schmidt und drei andere Frauen werden aus einem Bunker somewhere in Indiana befreit, wo sie von ihrem Entführer namens Richard Wayne Gary Wayne 15 Jahre lang festgehalten wurden. Die provinziell-naive Kimmy beginnt nach der Befreiung ein neues Leben in New York, wo sie mit dem Broadway-Wannabe Titus Andromedon eine WG bildet. Sehr, sehr lustig, äußerst hohe Pointendichte, alles andere als deep, aber angenehm weird, watcht sich leicht weg, kurz: hervorragende Sitcom, sei anempfohlen!

Fleabag (AmazPri): Wohl als Dramedy zu bezeichnen, wobei der Dramaanteil im Laufe der Serie starkes Übergewicht erhält. Fleabag ist die sympathische Hauptfigur (ob sie wirklich so heißt, wird nicht klar, weil in der ganzen Serie kein einziges Mal ihr Name fällt; Fleabag jedenfalls bedeutet ›a dirty and/or unpleasant person or animal‹ bzw. ›verwahrloster Streuner, Flohfänger; Ekel, Mistkerl, Mistvieh‹). Sie fickt, flucht, faucht raucht in einer Tour und kriegt ihr Leben nicht ›richtig‹ auf die Reihe. Somewhere in London betreibt sie ein kleines, erfolgloses Café, das sie mit ihrer besten Freundin gründete, die sich accidentally suizidierte. Die zweite Staffel kann eins sich imho schenken, die erste ist aber sehenswert (sind auch nur 6 Ep. à ~25 Min.).

Sherlock (Netflix): Ja leckt mich am Arsch, so was Nerviges wie Benedict Cumberbatch als Sherlock »Mr. Oberschlau hoch Tausend« Holmes habe ich ja noch nie gesehen! Wie er aus den winzigsten Details an Verstorbenen wie Lebenden beinahe komplette Lebensgeschichten rekonstruiert bzw. deduziert, soll seine extraordinäre (?) Auffassungsgabe zeigen, ist aber nur hanebüchen und albern geraten und, am schlimmsten: fürchterlich nervig. Das Feuilleton ›feiert‹ das freilich ›ab‹ und hält es für teilweise »perfekte [🙄] Unterhaltung«; das Publikum (meint: die Feuilleton-Schreiber*innen) würde Sherlocks Fähigkeiten bewundern und beneiden, obwohl er doch eingestandenermaßen – oh, er ist so selbstreflektiert! – ein »hochfunktionaler Soziopath« sei. Es ist halt dumm wie je. Aber das Feuilleton geilt sich auch an unerträglichen Oberarschlöchern und -widerlingen wie Frank und Claire Underwood aus House of Cards auf (brach ich nach einer Staffel ab); mei, die Qualitätspresse wähnt sich halt gerne als am Zentrum der Macht nuckeln dürfend. Ich jedenfalls sage: Sherlock »Hallo i bims ihr integral intellektualgemeinen Geistesmaden« Holmes, nein danke. Die literarischen Vorlagen Sir Arthur Conan Doyles habe ich nicht gelesen, Sir, und kann gar nicht beurteilen, inwieweit die Serienmacher ihnen folgen oder es selbst übertreiben, Sir. Nach nicht einmal 30 von 90 Min. der ersten Folge jedenfalls verlangte ich danach, auszuschalten. Das hätte ich nicht länger ausgehalten.