»Besorgte Bürger«

Die Medien sollen sich bitte ein anderes Hauptinstrument zur Inhaltsvermittlung suchen als Sprache. Mit der können sie einfach nicht umgehen. Als hätte es die jahrelang zu »besorgten Bürgern« schöngeredeten Protofaschist*innen von Pegida bis AfD(-Wähler*innen) nie gegeben.

Nürnberg: OB-Stichwahl

Screenshot: nordbayern.de-Startseite, 16.3.2020

OB-Stichwahl in Nürnberg: Thorsten Brehm (SPD, links), der Amstinhaber Ulrich Maly (SPD) nachfolgen möchte, tritt gegen Marcus König (CSU, rechtsaußen rechts) an. Die Nürnberger Nachrichten fragen per Kommentar: »Wem trauen die Wähler mehr Führungskraft zu?« Sie fragen rhetorisch, denn die Bildauswahl zeigt mit Königs Macher-Geste und Brehms ehrfürchtig-staundendem Auszubildenden-Blick, wem die NN mehr Führungskraft zutrauen und die Wähler*innen zutrauen sollen.

 

»wogegen«

Screenshot: Startseite »Neues Deutschland«, 10.3.2020

»Frauen sehen heute immer zehn Jahre jünger aus, als sie sind, wogegen Männer zehn Jahre älter sind, als sie aussehen« – d.h. vice versa, dass Männer zehn Jahre jünger aussehen, als sie sind, und Frauen zehn Jahre älter sind, als sie aussehen – wogegen weswegen der Sinn der einen Gegensatz ausdrückenden Subjunktion »wogegen« zusammenraucht oder vielmehr auseinanderstäubt zu nichts. Ja ja, Sprache – beherrschte eins sie, es könnte zum Beispiel Journalist*in werden, oder sollte sogar.

(Die ambiguische und womöglich gesuchte, wo nicht angezielte Subjunktion wäre gewesen »während«, welche sowohl Gleichzeitigkeit als auch Gegensätzlichkeit ausdrückt, beides in dem Falle uneigentlich.)

Vom Salon (verspätet)

FAZ Nr. 15/2020, 18.01.2020, S. 6

Das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump, FAZ,

sei laut Deinem Artikel »Eröffnung mit ernster Zeremonie«¹ mit ernster Zeremonie eröffnet worden. Der »Seargant of Arms« habe die anwesenden Senator*innen dabei »unter Androhung einer Inhaftierung« dazu aufgefordert, zu schweigen – wie es »die althergebrachten Regeln« eben vorsähen. Diese Maßnahme wundert uns nicht, wenn wir lesen, was da so vor sich geht: »Alterspräsident Chuck Grassley, der 86 Jahre alte Republikaner aus Iowa, wünschte [dem Obersten Verfassungsrichter John] Roberts Gottes Segen und wies ihm dann seinen Sessel zu. Dieser vereidigte dann die Senatoren.« Denn wo Sessel Senatoren vereidigen, ist Haftandrohung das Mittel der Wahl, diese vom Losprusten abzuhalten.

Verdrückt sich sein Lachen: Salon du Fromage


¹ Sat.: »Eröffnung mit ernster Zeremonie«, FAZ Nr. 15/2020, 18.01.2020, S. 6

Zum ›Mindset‹ der taz

Screenshot: taz.de-Startseite, 5.3.20

Die taz tazert teasert ein Interview über rechte Polizisten an mit dem Wort »Mindset«.  M i n d s e t . Und damit mit einem quadratdepperten Begriff aus den durch und durch durchverdinglichten, zerebralsklerotischen Genres oder vielmehr Bereichen StartUp-/Gründerszene, Entrepreneurship, Erfolgscoaching und was dergleichen geistferner Schmarren herumwest. Zu einem Interview über unter anderem die Tatsache, dass in einer Umfrage unter hessischen Polizeibeamt*innen über ein Viertel der Befragten der Aussage zustimmten, dass die »Gefahr, dass Deutschland islamisches Land wird« bestehe. Das Akronym der rechtsradikalen PEGIDA steht, wir erinnern uns, für: »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«, ihr parlamentarischer Arm ist die in Teilen faschistische AfD. Kann die taz nicht erkennen, dass sie mit so einem Teaser – einerlei, ob der Ausdruck ironisch gemeint ist oder nicht – rechte Einstellungen letztlich verharmlost, oder will sie es nicht? Gleichviel. Wenn mich jemand fragt: Dieses Blatt hat den Arsch das Mindset schon besonders weit offen.

Was Karlsruhe als schützenswert gilt

Aus einem Tagesschau-Artikel zur möglichen Einstufung des AfD-»Flügels« durch den Verfassungsschutz als »Verdachtsfall«:

»Das Urteil [des Bundesverfassungsgerichts von 2017 gegen das Verbot der NPD] gilt bis heute als entscheidend, auch weil Karlsruhe so klar wie nie zuvor definierte, was es für schützenswert erachtet: Die Missachtung der Menschenwürde, Rassismus, die Ausgrenzung von Ausländern, Migranten, Muslimen wurden als verfassungsfeindlich erklärt, ebenso wie das gezielte Verächtlichmachen der parlamentarischen Demokratie.«

Lässt eins sich das Vergnügen nicht nehmen, Sätze gegen den Strich zu lesen und ihnen dadurch mehr Sinn abzutrotzen, als sie zu enthalten vorgeben, liest es nach »Das Urteil gilt bis heute als entscheidend, auch weil Karlsruhe so klar wie nie zuvor definierte, was es für schützenswert erachtet« eben nicht gleich »als verfassungsfeindlich erklärt wurden …«, sondern erstmal »Die Missachtung der Menschenwürde, Rassismus, die Ausgrenzung von Ausländern, Migranten, Muslimen«. Und dergestalt weist der Satzbau nolens volens auf den realen Bau der hiesigen Verhältnisse hin.

»Nach Informationen von WDR, NDR und SZ«, von »Georg Mascolo, NDR/WDR, Sebastian Pittelkow, NDR und Katja Riedel, WDR«, und womöglich hat auch noch ein*e Onliner*in drübergekuckt.

Multimedia

Idee zur Neuauflage eines philosophischen Klassikers: »Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Was wir wissen können – und was nicht. Mit einem Anhang aus Texten, Podcasts und Videos zu Fakten, Daten und Hintergründen«