Vom ewiggestrigen Klaue

»Anders als heutige Jungakademiker glauben, die diese Satiren als Verspottung eines gedrechselten Jargons goutieren, handelt es sich bei dieser Überzeichnung um eine Würdigung, um die Reverenz an Menschen, die von gestern und eben deshalb dem Heute überlegen sind.« (Magnus Klaue: »Einer von gestern. 80. Geburtstag von Eckhard Henscheid«, tagesspiegel.de vom 14.09.2021)

Von Profi- bzw. Alt- resp. Superakademiker Magnus Klaue geburnt – meint er mich, dann habe ich wohl alles richtig gemacht. Wenn er tatsächlich glaubt, diese Menschen »von gestern« seien »dem Heute überlegen«, geht es letztlich doch wieder nur um ihn selbst. Er weiß eben noch, wie man gestern spazieren ging, um nicht zu sagen ergebnisoffen flanierte, und latscht nicht einfach dumm herum wie die Heutigen. Genau solche Selbstglorifizierung qua Sich-gleich-Machen mit den Säulenheiligen griff Henscheid – der etwa Adornos Schriften immer sowohl affirmierte als auch angriff – mit seiner Kritische-Theorie-Rezeption stets an. Klaue wird das bei mir halt nicht lesen oder hören wollen.

›Autonomes‹ Fahren

Es tut doch in der Seele weh, dass der next step des motorisierten Individualverkehrs, das autonome Fahren, den Namen autonomes Fahren trägt und nicht den korrekten automatisiertes Fahren. Ein Sensibling wie Adorno, der sich noch trefflich über Intellektualgemeinheiten wie das griechisch-lateinische Mischwort Automobil ärgern konnte – und das auch nicht gerade zurückhaltend kundtat –, hätte wohl einen geharnischten Brief an die Automobilverbände und -hersteller bzw. gleich ans SZ-Feuilleton geschrieben, dass diese Fahrzeuge sich ja wohl nicht, wie uns die Rede von der Autonomie solcher PKWs vorgaukelt, selbst das Gesetz gäben, sondern, ähnlich der in Homers Ilias sich selbst öffnenden Türen des Olymp, bloß von selbst sich bewegten.

»Gärtners kritischem Sonntagsfrühstück« zum Ende

Vor zwei Monaten schrieb Stefan Gärtner in seiner wöchentlichen Titanic-Kolumne »Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück«: »Wer mehr als eine Hose hat (und ich habe gewiss sieben), darf sich immer fragen, ob der Gegenwert der spätestens dritten nicht bei der Flüchtlingshilfe anzulegen gewesen wäre«. Jetzt ging mir vor kurzem von meinen vier Hosen eine kaputt und so evident scheinen mir Gärtners hypotaxenschlagende Argumentationen seit je, dass ich mich frage, ob ich mir, trotz seiner eingestandenermaßen sieben, moralisch gesehen überhaupt eine neue kaufen darf.

Mit der heutigen Ausgabe endet seine Kolumne nach sieben bzw. zehn Jahren. All den Angegriffenen, Behandelten, Gemaßregelten des herrschenden Betriebs mag sie nichts geholfen haben; hat sie doch auch wohl niemand von ihnen je gelesen. Mir hat sie, Frühstück um Frühstück, viel geholfen. Ihr geringstes, wenngleich nicht geringes Verdienst wäre, dass ich um die Bedeutung des Ausdrucks »autochthon« weiß, und zwar, darum nicht gering, nicht nur im lexikalischen Sinne. Geholfen hat sie mir irgendwann so viel, dass ich Gärtner hin und wieder abwatschen mochte, weil er dann doch mal so gleißend danebenlag und etwa Frauen altherrenreaktionär ihren verbalen Umgang mit der Menstruation diktieren wollte.

Drum sei der Zukunft keine Träne vorausgeweint. Gedankt sei’s aber ihm.

Gefragt habe ich mich im übrigen immer, wie er es Woche für Woche schaffte, mitten in die Texte so passgenaue Zitate zu montieren, die eins oft erstmal kennen musste. Dass mir da das letzte – es sind die Schlusssätze aus dem meines Wissens letzten vom denkschulstiftenden Adorno publizierten Text, »Resignation« – nicht recht schmeckt, weil es ein bissl selbstgerecht schmeckelt, fügt sich immerhin ins Obige ein.

https://www.titanic-magazin.de/news/gaertners-kritisches-abschiedsfruehstueck-versuch-ueber-die-muedigkeit-11649/

»WiR hAbeN fEhLeR gEmAChT«

Screenshot aus: Zentrum für politische Schöhnheit (https://politicalbeauty.de/)

»WiR hAbeN fEhLeR gEmAChT – z.B. den, dass es uns, den hUmANisTeN vom Zentrum für politische Schönheit [?], nie um irgend eine Sache, sondern stets um uns, die hUmANisTeN vom Zentrum für politische Schönheit, ging.«

Dass sie sich für dieses StartUp-uns-ist-alles-wurscht-Hauptsache-fancy-Balken-Layout nicht schämen oder immerhin zu blöd sind, ich begreife es nicht. Sie behaupten doch immer, sie seien kÜnStLEr, weisen sich aber schon textgestalterisch als bloße neoliberal narcissists aus. (Okay, das ist eigentlich kein Widerspruch lol)

Warum es problematisch ist, sich selbst positiv als etwas (wie als »Humanist«) zu setzen: »Ich gebrauche hier den Ausdruck Humanität ungern, denn er gehört zu den Ausdrücken, die die wichtigsten Sachen, auf die es ankäme, dadurch schon, daß sie ausgesprochen werden, dingfest machen und verfälschen. Ich habe den Begründern der Humanistischen Union, als sie mich aufgefordert haben, einzutreten, gesagt: ›Ich würde, wenn ihr Club eine inhumane Union hieße, vielleicht bereit sein, einzutreten, aber in eine, die sich selbst humanistisch nennt, könnte ich nicht eintreten.‹ […] Soweit es auf der subjektiven Seite heute überhaupt so etwas wie eine Schwelle, wie eine Unterscheidung zwischen dem richtigen und dem falschen Leben gibt, ist sie wohl am ehesten darin zu suchen, ob man blind nach außen schlägt – und sich selber und die Gruppe, zu der man gehört, als Positives setzt und das, was anders ist, negiert –, oder ob man statt dessen in der Reflexion auf die eigene Bedingtheit lernt, auch dem sein Recht zu geben, was anders ist, und zu fühlen, daß das wahre Unrecht eigentlich immer genau an der Stelle sitzt, an der man sich selber blind ins Rechte und andere ins Unrechte setzt.« (Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie (1963), hrsg. von Thomas Schröder, in: Theodor W. Adorno: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 10, hrsg. vom Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a.M. 1996, S. 250 f.)

Kritik am Symposium »Ästhetik nach Adorno«, eine Replik

Na freilich kannst du auf dem Symposium »Ästhetik nach Adorno« (21.–23.6.2019, Berlin, Link zur Website) ein Flugblatt namens »Unter der Ästhetik liegt die Erfahrung – Zum Symposium ›Ästhetik nach Adorno‹« (Link zum PDF) auslegen, in dem du Kritik an der Veranstaltung kundtust. Wenn du deine – stellenweise noch so triftigen – kritischen Äußerungen allerdings zwischen Zitate von Adorno und Benjamin oben sowie deinem nicht angegebenen Namen unten presst und das Flugblatt in unbeobachteten Momenten verhuscht auf die Sitze legst – dann sinkt das samt und sonders von Kritik herab zur blind vorgetragenen Religion, zum apostolischen Eifer. Dann bist du letztlich nichts anderes als etwa die Zeugen Jehovas, die in den Fußgängerzonen dieser Welt mit ihren Aufstellern zum ›Gespräch‹ einladen, worin sie dir dann die alleinige Wahrheit des Überirdischen verkünden werden. Mit dem Unterschied, dass Zeugen Jehovas immer noch persönlich auftreten und ihre Wahrheiten nicht bloß anonym irgendwo hinlegen.

Es mag einer gewissen Empathie geschuldet sein, dass du dich um die

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