Kartentisch

In Lissabon wurde ich mal, an so einem Vierertisch sitzend und Reisetagebuch schreibend, von Einheimischen auf Portugiesisch „weggebeten“, weil der Tisch im Schatten war und sie Karten spielen wollten. Ich verstand erst, was sie wollten, als sie sagten: Carta … 🤌 carta … 🤌

Overseating

Der stählerne Wind der Digitalisierung muss noch schneller, noch erbarmungsloser durch alle Lebensbereiche fegen. Alles Denken und Fühlen möge der Zweiwertigkeit untergeordnet werden. Im algorithmusgestützt übersetzten User Manual der neuen Bluetooth-Earbuds heißt es u. a. »Erhöhen Sie das Volumen«, »Muster der Anzeigelampen für den Ladefall« und »Die Anklageerhebung« (i. Eng., man käme kaum drauf: »To charge the charging case: …«). Beim »charging case« braucht’s Dusel, damit es mal mit »Ladegehäuse« übersetzt wird, meist errechnen die Maschinen »Ladekoffer«.

Ein hübsches Gem hält auch ein Android-Equalizer vor, wenn man ihn beenden will:

Was in der FAZ imo passieren soll

Hoffentlich überlebt die FAZ lange genug, dass in ihrer Leserbriefrubrik »imo«, »imho«, »afaik« und gar »imao« die Anachronismen – wo nicht dinosaurierartigen Ungetüme! – »meines Erachtens« und »meines Wissens« verdrängen können. Und hoffentlich muss der Verein Deutsche Sprache das auch noch erleben! Den dorthinnigen Ein- bzw. Siegeszug von »tbh« fände ich auch schön tbh

Kastengeneral

Der Bürgermeister meiner Herkunftsgemeinde konnte in seinen wilden Jahren angeblich an einem Abend einen ganzen Kasten Bier alleine austrinken. Wer das schaffte, war in seinen Kreisen ein sogenannter »Kastengeneral«. Der Saufkumpan dieses Gemeindeoberhaupts, der diese Geschichte bei jeder Saufgelegenheit allen in die Ohren stopfte, jubilierte nach dieser Info stets: »Do hamma sogoa Ausweis‘ ghabt!« (»Da hatten wir sogar Ausweise!«) Die sie sich selbst ausstellten bzw. bastelten.

Ganz hübsch fände ich es, wenn im Gemeindeanzeiger über dem Bürgermeister-Editorial nicht nur stünde: »X Y, Erster Bürgermeister«, sondern auch: »Kastengeneral a. D.«

Eis

Klimakatastrophe, Schmimakatastrophe … Bis vor 20 Jahren haben wir uns um den Jahreswechsel auf dem Eisweiher beim Eishockey spielen halb umgebracht. Dann kamen am Nachmittag die Bauern und scheuchten uns fort, um sich beim Eisstockschießen halbtot zu saufen und ihre Latschschneisen in die Eisdecke zu schlurpfen. Aber es hatte ja wohl 16 °C. Das können die jungen Frechwürschtel von Fridays for Future gar nicht mehr wissen.

Großstadtfeuerwerk

Da bin ich aus ursprünglich der niederbayerischen Provinz in die Nobelstadt Hannover gezogen, aber das Feuerwerk, das hier beim Herbstrummel am Schützenplatz jeden Freitagabend gegen 22 Uhr abgefackelt wird, ist das Hintlerwäldlerischste, das ich je gehört hab (sie schießen nicht hoch genug, als dass ich es vom 2. Stock aus sehen könnte). »Hauptsach vui!«, scheint man sich zu denken und lässt drittelstundenlang eine stahlorgelnde Artillerie im Maschinengewehrstakkato rattern, wie sie sonst nur als Großmännischkeit camouflierte bajuwarische Minderwertigkeitskomplexe hervorzubringen imstande sind.

Bayerische »Sommer«ferien

In Bayern finden die Sommerferien stets von Ende Juli bis Mitte September statt. Den schönsten Teil des Sommers hocken die Schüler*innen noch in der Schule, es ist schon Notenschluss gewesen, es werden nur noch Filme gekuckt, demütigende Sport»feste« abgehalten, niemand scheißt sich mehr was und nach vier Stunden ist hitzefrei; vorher schwitzen alle die Schule voll, dass die Wände feucht werden.

Warum das so ist? Damit die Schüler*innen im Agrar- und Bauernfreistaat Bayern im August bei der Ernte helfen können. »Aber für die Ernte schickt der Landwirt seine Fahrzeuge und Maschinen doch mittlerweile vom Bett aus per iPad auf die Felder, da brauchen doch keine Kinder mehr einen Pflug zu ziehen oder sich mit Dreschflegeln zu verprügeln!«

Als ein Großteil der Kultusminister, in deren Bundesländern die Sommerferien in gegenseitiger Abstimmung jedes Jahr wann anders stattfinden, letztes Jahr darauf drängten, Bayern solle sich an diesem flexiblen Sommerferienterminsystem beteiligen, beschied sie der bayerische Landesvater Markus Söder mit ca. den fränkelnden Worten: »Des ham wir scho immer so gmocht. Des basst scho und des bleibt etzadla auch so.«

Merwürdig, dass aus so vielen Schüler*innen irgendwann doch CSU-Wähler*innen werden. Naja, dann weiterhin viel Spaß im Freibad bei wechselhaften 19 °C und ab Ende August gar nicht mehr.

»Marktplatz – das Verbrauchermagazin des Deutschlandfunks«

Deutschlandfunk sendete am 25.03.2021 um 10:08 Uhr die Sendung Marktplatz – das Verbrauchermagazin des Deutschlandfunks.

Thema: »Wischtücher, Reinigungsmittel, Roboter – Frühjahrsputz mit System und Spaß«.
»Gesprächsgäste:
Kerstin Effers, Verbraucherzentrale NRW, Düsseldorf
Reiner Metzger, Stiftung Warentest, Berlin
Bernd Glassl, Industrieverband Körperpflege Waschmittel, Frankfurt
Jens Lönneker, Rheingold Salon, Köln
Am Mikrofon: Susanne Kuhlmann«.

Und das alles – Moderation, Expert*innen, Anrufer*innen – so sturheil und bierernst und ohne jede Scham, als hätte es Heino Jaegers Fragen Sie Dr. Jaeger (1976)* nie gegeben. Was für ein Wahnsinn!

Einer beispielsweise ruft beim Dlf-Marktplatz an und gibt Folgendes durch: Bücher- und sonstige Regale könne man absaugen, indem man über die Saugdüse einen Nylonstrumpf ziehe; so würde der Staub eingesaugt, nicht aber etwaige Kleinteile. Sein altes Transistorradio, auf dem oben Knöpfe fehlten, fege er mit einem alten Rasierpinsel ab, damit ginge der Staub und alles gut weg. Und wer es kennt: Bei der Autoinnenraumreinigung kommt man neben dem Gaspedal immer schlecht hin – dafür nehme man einfach eine alte Zahnbürste, damit geht es kinderleicht!

Die Moderatorin bedankt sich für die Tipps und fragt in die Expertenrunde, ob jemand etwas hinzuzufügen hätte. Zwei Sekunden Stille. Einer sagt dann, der Anrufer habe ja praktisch schon alles gesagt.

Damit wäre alles gesagt.

(* Vgl. z.B. Heino Jaeger: »Passkontrolle« (YouTube))