Der Heizer

Lieber Franz Kafka,

 

hattest Du der Welt Deine Leiden mit Deinen Texten nicht schon genug heimgezahlt? Musste fast hundert Jahre nach Deinem Hinschied noch eine Deiner Figuren die WG-Waschmaschine zerstören?

 

Herzlichst, Dein
Andreas Maria Lugauer

 

For  r e a l ?!

Was mir soeben, am 30. April im Jahre 2020 unseres Herrn Jesus Christus um 10:07 Uhr, im Alter von über 30 Jahren, bei der Lektüre auffiel: das Adjektiv real geht etymologisch zurück auf das lateinische Super-, i wo: Universalwort für praktisch alles, was ist: rēs ›Sache, Ding, Wesen, Angelegenheit, Ereignis, Erscheinung, Interesse, Vorteil, Rechtssache‹. Und das ist ja auch völlig logisch und komplett naheliegend! Ich überprüfte es freilich sogleich, entsprechend der Germanistenpflicht, im DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache) und klar, logo, ist es auch so. Ich meine: Wortstamm re- + Adjektivsuffix -al und das Wort res, Akk. rem, Gen. rei – das k a n n ja nur nix wie zusammengehören!

Also manchmal frage ich mich schon, ob ich einfach ganz besonders deppert und integral bescheuert bin und allen anderen solche s i m p l i c i s s e s t e n Sachen von Haus aus klar sind, oder ob es bei denen im Hirnstüberl ebenso zappenduster ist wie bei mir bis eben, oder irgendwas dazwischen.

Die zwei Kirchen

Auf einem erdähnlichen Planeten existiert eine menschenähnliche, ja fast menschheitsgleiche Zivilisation. Wie auf der Erde trägt sich dort ab dem Jahr 1 u.Z. die christliche Auferstehungsgeschichte zu. Der Heiland heißt dort Jebus. Wie auf der Erde resultiert daraus eine Katholische-Kirchen-ähnliche Kirche. Sie heißt zufälligerweise (?) auch Katholische Kirche. Dann finsteres Mittelalter, schlachtende wo nicht mordbrennende Inquisition, Hexenverbrennung, überhaupt Misogynie als Motor des Ursprungsmythos, Kindesmissbrauch bzw. Vergewaltigung vornehmlich von Knaben – weil das alles im Universum nicht bloß auf der Erde, sondern auch dort geschieht, scheint es geschichtliche Notwendigkeit zu haben. Puh! (Three would be evidence.) Besonders zwingendes Detail: Nach gut oder vielmehr etwas mehr als zwei Millennien tritt der dortige Papst zurück, bevor aber ganz schön was rauskommt, du. Im Universum leben plötzlich vier Päpste. Statt zwei, was auch schon crass ist. Nur Gott weiß von alledem und schaut friedlich auf seine Schäfchen hinab. Ob eine der Zivilisationen je herausfinden wird, dass zur Rechten Gottes Jesus sitzt, zu seiner linken allerdings Jebus? Und dass die beiden (!) Heiligen Geister links und rechts so schräg über ihm sitzen, so dass es sich in Tat und Wahrheit um die Heilige Fünffaltigkeit handelt und die Theologen hier wie dort ganz schön ins Schwimmen kämen darob? Gott weiß: nein. Er hat die Entfernung zwischen den beiden Zivilisationen und die Physik extra so eingerichtet.

Lesung: 6.2.20, Rooftop Stories, Fürth

Während andere sich vom Berliner Bordstein zur Skyline hochrappen, mach ich es von Anfang an nicht unter der Skyline. Am 6. Februar lese ich über den Normaldächern Fürths bei den Rooftop Stories. Battle Rapper mögen darüber verächtlich die Nase rümpfen und die in der Zeitung angelesene Punchline droppen, das sei eben die sicherste Großstadt Bayerns, da föcke man sich ohne Trouble nach oben. Aber ich spötte zurück würde konterspitten, dass ich dazu erst vom Bordstein der unsichersten aller bayerischen Städte (Nürnberg) aus anreisen muss; yöah!

Facebook-Veranstaltung:

»Die Lesenden:

Enora Le Corre studiert Psychologie und verarbeitet die Wirrungen des Menschen gern in ihren Texten. Aber nicht nur das – von der doppelten Staatsangehörigkeit bis zu ausartenden Alltagsereignissen – sie schreibt über vieles, aber vor allem über das, was sie bewegt.

Andreas Maria Lugauer ist nur ungern geboren und schreibt zur Verarbeitung der ganzen Misere komische Miniaturen, Allotria und Quisquilien auf Facebook auf. Seine größten Hits: 3 + x Beiträge im endgültigen Satiremagazin »Titanic« und unzählige Beiträge für den Literaturpodcast »Eisenbart und Meisendraht«

Musik:

Der ewige Sideman nimmt die Gitarre und seinen Mut zusammen um sich Solo auf Reisen zu machen. Das Nonehitwonder spielt instrospektive Songs mit hohem Mitsingfaktor und Wurzeln im Folk, Punkrock und Pop. John Steam Jr. ist Wohnwagenurlaub mit Klampfe, drei Tage Bart und DIY-Spirit. The Finest!«

Friedrichstraße 6A
90762 Fürth

www.vobue-fuerth.de

Beginn: 19.30 Uhr
Der Eintritt ist frei, freiwillige Spenden möglich

k > c

Contactlinsen, Vercehrs Verkehrsschilder Richtung Centrum – das irisierende, behutsam umhändend in seinen Bann ziehende Substitut des soldatesk stiefelnd gebieterischen k, das c, es funcelt auch das häßliche ›Kameraderie‹ zum opalesquen, zumindest oder immerhin wortformal hübschen und freilich fremdsprachlichen ›camaraderie‹ empor.

Die Goldene Erbse

Es gibt einen Preis namens »Goldene Erbse«. Preisträgerin u.a. ist Jette Joop. Was geschulten Ohren klingt wie »Goldene Himbeere«, »Goldener Aluhut« oder »Goldener Günter« (hahaha*) und vermuten lässt, Jette hätte irgendetwas Unethisches gemacht und sei dafür negativausgezeichnet worden, ist in Wahrheit: der Berliner Märchenpreis. »Die Goldene Erbse – basierend auf Hans Christian Andersens Märchen Die Prinzessin auf der Erbse – steht für Sensibilität und die Vermittlung ethischer Werte. Die Direktorin Silke Fischer würdigt mit dem Ehrenpreis Goldene Erbse Menschen, die mit sozialem und kulturellem Engagement Hoffnung schenken.«

Hiermit rufe ich den »Goldenen Arschtritt« für besonderen Mut und pfiffige Listigkeit aus, und wer den nicht als Hänsel-und-Gretel-Preis erkennt, ist selber schuld.

* »Seit 2008 verleiht DWDL.de jährlich den Negativpreis ›Goldener Günter‹ an Personen, Marken und Unternehmen, deren Leistungen – in Anlehnung an eine Fernsehkritik des ehemaligen ARD-Programmdirektors Günter Struve – ›ziemlich ui-jui-jui‹ waren.« Lol was soll diese Kindersprache, Herr Programmdirektor.

(Alle Informationen und Zitate der Wikipedia entnommen.)

Kleiner Reminder:

Das schönste deutschsprachige Onomatopoetikon für einen gut vernehmlichen sonoren Darmwind ist »pfrööööt«. Erstmals gelesen habe ich es in einem Rattelschneck-Cartoon. Ob einer der beiden es erfunden hat, keine Ahnung; das ist imho auch die falsche Frage.

Kritik der Literaturwissenschaftler-Coautorschaft

Wenn ich Karl-Heinz Hucke und Olaf Kutzmutz heiße, schreibe ich doch nicht gemeinsam einen Artikel für ein Literaturwissenschaftslexikon. Wie sieht denn das in den Fußnoten der Bücher und Aufsätze aus, »Hucke/Kutzmutz«, hallo. Ein Zaubereibuch hingegen ginge vielleicht, »Huckes und Kutzmutz’ Großes Zauber Buch für Anfänger [mit vielen Tricks zum leicht daheim Nachzaubern!]«, wer würde es nicht gerne den Nichten und Neffen schenken, hukuskutzmutz fidibutz

Kurzkritik zu Anke Stellings »Schäfchen im Trockenen«

»Die Regel, die ich verletzt habe, heißt: ›Schmutzige Wäsche wird nicht in der Öffentlichkeit gewaschen.‹ Auch ein schöner Spruch, der Familien zusammenhält. ›Wäsche‹ steht für privat, ›schmutzig‹ steht für nicht herzeigbar und ›waschen‹ steht für ausplaudern, verraten, erzählen.« (Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen, 2018)

Was für ein mit seminararbeits-, ja fast wörterbuchartigem Kram aufgeblähter Quark heutzutage als Literatur verkauft wird, es ist kaum zu glauben. »Seminararbeitsartig« steht für wie in studentischer Hausarbeitsprosa auswalzelnd erklärend, »wörterbuchartig« steht für bedeutungserläuternd und »Quark« steht metaphorisch für zusammengerührten literarischen Mist, »Mist« steht für Schund, etc. etc. steht für stehtfür sTehT fÜr ja Wiederschaun

Bierbaum/Brinkmann

»Wie kann einer Bierbaum heißen und Dichter sein wollen!« Stefan George um die vorletzte Jahrhundertwende über den Münchner Schriftsteller Otto Julius Bierbaum. Looking at you,  R o l f  D i e t e r  B r i n k m a n n !

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(Bierbaum hatte eine abfällige Persiflage auf George verfasst, was diesem, in seiner weihrauchumflorten Dignität angerührt, Groll verursachte.)

Spitzbuberei

32 Jahre hatte ich alt werden müssen, um im Januar dieses Jahres Sätze aufschreiben zu können wie diesen: »Dieser Anachronismus hat demnach den Zweck, zeitlich Disparates in einen situativen Zusammenhang zu bringen und damit kontrafaktisch auf eine realhistorische Entwicklung hinzuweisen.« Jetzt, mit inzwischen 33, beim Lesen der Druckfahne, muss ich durchaus schon schmunzeln über diese intellektualisierelnd-aufschneiderische Spitzbuberei. Stimmen tut sie dennoch wie sonst alles, was im kommenden November um dieses Zitat herum im »Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft« erscheinen wird.

Der Abstieg

Provinzfußball in Niederbayern um die Mitte der Nullerjahre, am letzten Spieltag Abstieg von der Kreisliga in die Kreisklasse. Niedergeschlagenheit, gar Verzweifelung in allen Gesichtern und Gelenken und unter die Schienbeinschoner hinuntergewuzelten Trikotstutzen; außer beim Gegner und seinen Fans, die eben nicht abgestiegen sind. Die sollen alle schauen, dass sie heimkommen, am besten gleich vom Platz weg und ohne noch mords Wasser wegzuduschen. »Diese Wichser, die!«, »der scheiß Schiri!«, »Ihr seid’s aber auch alle selber schuld, weil’s immer so sauft’s, obwohl wir am nächsten Tag Spiel haben!« – Analysen dieser Art verlassen so manche grantige Kehle, wohingegen andere ochsendumm herumsitzen und, wie’s scheint, in existenziell schwarze Abgründe schauen; bloß dass nicht mal mehr die zurückblicken. Drüben am Kinderspielplatz bauen zwei Buben ein kleines Schlammschloss, und während sie mit den Stäbchen ihrer Steckerleise die Burgfahnen hindrapieren oder eher hinimaginieren, muss der Papa am Sportheimeingang zurückgehalten werden, damit er nicht allen sofort eine aufstreiche, wie er erbost umherschleudert, »ihr Wichser alle!«

Jetzt muss man wissen, dass die Kreisliga in der dortigen Region die drittunterste Liga ist und die Kreisklasse die zweitunterste, unterfüttert nur noch von der zur A-Klasse schöngelogenen, in der vox populi nur Hammelklasse genannten Hammelklasse. »Ja Scheiße«, denken sich viele der für den Abstieg verantwortlichen Spieler, »in der Kreisklasse«, also der zweituntersten Klasse, »da mag ich nicht spielen – da bin ich ja viel zu gut dafür!«; sogar sehr viele von ihnen denken das und verlassen bis auf lumpige zwei Stammspieler samt und sonders den Verein, hin zu einem anderen, der zwar ebenfalls, und ohne dafür absteigen zu müssen, in der zweituntersten Spielklasse herumwest, aber im Gegensatz zum Absteiger seinen Akteuren für ihr fußballerisches Engagement Geld zahlt. Für ihr Engagement beim Aufstieg in die drittunterste Spielklasse, natürlich.

Connaisseusen und Connaisseuren übrigens ist klar, dass die Spieler wegen ihres Verhaltens mit Fug als Pleitegeier zu titulieren sind. Zumindest im ursprünglichen Wortsinne. Im Jiddischen, dem das Wort Pleite entstammt, bezeichnet die plejte die ›rettende Flucht (vor der Schuldhaft durch Gläubiger)‹, der plejtegeier bezeichnet im Jiddischen mithin den, der die rettende Flucht antritt oder –trat. Sage noch einmal jemand, es sei ein Schmarrn und Zeitverschwendung und zu nix gut, Fächer wie Jiddische Sprache, Kultur und Literatur zu studieren, womit ein Freund von mir gegenwärtig seine Biographie erledigt. (Bei Letzterem handelt es sich um ein Zitat von Max Goldt, um hier schriftstellerisch tadellos zu agieren.)

Hauptsponsor des Vereins, zu dem die alle abwanderten und hinwechselten, richtiggehend fahnenflüchteten, ist ein lokales Maschinenbauunternehmen, das freilich für den Weltmarkt produziert, und zwar ungetümhaft große Eisentanks und jeglichen Stahlbau, nach dem eines Herzen zu begehren vermag. Auf die »Internetseite« genannte Website gesurft, verrät uns die letzte News, die, notabene in den 1960er Jahren gegründete Firma habe im Jahre 2008 die Produktion in den neuen Montagehallen aufgenommen. Was mit den alten Hallen geschah, steht nirgends. Das Alter dieser latest news entspricht präzise dem historischen Charme, der dieser Website eignet. In der 2008 neu gewesenen Lackierkabine, so schneidet die News großtuerisch auf, könne man bis zu 17 Meter lange »Komponenten« genannte Bauteile lackieren und trocknen. Wie breit und hoch diese Komponenten sein dürfen, unterschlägt die News indessen. Wenn jedoch die Komponenten zwar 17 Meter lang, aber nur so dünne Stäbchen sein dürfen, wäre kaum jemandem geholfen. Lassen wir uns nicht beirren von dieser Unklarheit und nehmen wir an: Auch der Balken und die Pfosten eines Fußballtores ließen sich darin locker optisch veredeln, wie es aus Branchenmündern zu quellen pflegt. Schließlich umspannt etwa der Querbalken kaum siebeneinhalb Meter und täte in die Angeberanlage leicht zweimal hineinpassen. Die Balken und Pfosten könnten dann in den Firmenfarben Hellrot, Dunkelrot, Schwarz, Dunkelgrau, Hellgrau und Smaragd funkeln, und, wenn wir schon einmal angefangen haben mit dem corporate designen, warum nicht auch gleich den Namen der Firma draufschreiben beziehungsweise drauflackieren, ach was: draufedeln.

Denn die Präsentation des eigenen Firmennamens auf riesigen Bannern und Spielfeldbanden auf den Sportvereinsanlagen, auf den Trikots und irgendwelchen Vereinsdruckerzeugnissen ist der Zweck der finanziellen Unterstützung des Vereins, der sich im übrigen recht rührig um die von ihm verwendeten und vernutzten Spieler kümmert. Es fragt sich freilich: Wozu das alles? Wie viele Zuschauer*innen dachten bislang: »Ah, gut, dass da eine Stahlbaufirma auf ihre Künste aufmerksam macht, mir ist ja grad heut Vormittag mein Eisentank kaputtgegangen«, und schon fleddert beim Stahlbauer das Auftragsbuch aus, weil er gar nicht mehr hinterherkommt mit dem Umblättern und Hineinschreiben. – Stellen wir uns nicht naiver als nötig: Fraglos ist es dem Firmenchef hauptsächlich um Lokalprestige zu tun, markiert er doch den örtlichen, wo nicht den regionalen Oberjohn, wenn er es ist, mit dessen Name der Fußballclub sich beschriftet, das heißt präsentiert, i wo: schmückt. Da schauen die Maschinen- und sonstwas -Bauer der Industriegebiete vor den umliegenden Dörfern aber ganz schön dumm aus ihren klebrig-schwitzig-stinkenden Fertigblechbaufestungen. Schließlich kannst du den Hauptsponsor des Vereins durchaus als sowas wie den Vereinseigentümer betrachten. Wo kommen wir hin, wenn irgendetwas nicht irgendwem gehört, sondern diffus bloß einer kaum greiflichen Gemeinschaft? Ja, richtig, direktemang in den Sozialismus. Nein, nein, es lässt uns schon besser schlafen und ist am Ende auch gesünder, wenn wir den Besitz eines solchen Vereins immerhin ideell jemandem zuschreiben können. Und der hohe Herr wird sich gütig um alles und alle kümmern und auch mal ein Schweinernes und ein Freibier zur Verfügung stellen. Und der Konkurrenzeisenbieger kann zwanzig mal mit der Kundschaft in die Apalachen zum Helikopterskifahren fliegen – Fußballvereine sind da schon nochmal rarer.

Jetzt zurück zur Abstiegsmannschaft: Lumpige zwei Stammspieler aus der drittuntersten Klasse blieben wie gesagt in der zweituntersten erhalten, der restliche Kader wurde aus Material der vormaligen Reserve rekrutiert, neu hinzu kam niemand. Die Bilanz der Folgesaison: lauter Niederlagen, kein einziges gewonnenes Spiel, nur ein einziges Unentschieden – an diesem Spieltag reichte man die angestammte Plakette »Lachnummer der Liga« an den mit einem Remis vernichtet zurückgelassenen Nachbardorfverein weiter und feierte in dessen teils hellbraun gefliestem, teils dunkelbraun holzvertäfeltem Sportheim, als wäre der Super Bowl gewonnen worden. Am darauffolgenden Tag, ein Montag, fuhren frühs alle wieder zu ihren Arbeitsstellen und der ein oder andere erzählte in der Pause teils freudig, dass man vortags ein Unentschieden geschafft habe. Die Lackieranlage des Stahlbauers produzierte sturheil und ungerührt weiter für den Weltmarkt.


Text vorgetragen am 19.07.2019 im Rahmen der Live-Aufzeichung einer Folge von »Eisenbart & Meisendraht«; Videomitschnitt folgt


 

Die Ältere deutsche Literaturwissenschaft und das Genitiv-s

Richtiggehend narrisch macht mich die Idiosynkrasie der Älteren deutschen Literaturwissenschaft, das Genitiv-s von Eigennamen an den Personennamen zu hängen statt hinten an den Ortsnamen. Also etwa »der Minneschmarrn Heinrichs von Veldeke« statt – wie normale Menschen sagen würden: »der Minneschmarrn Heinrich von Veldekes«. Komme mir niemand mit einer vermeintlich sachlichen Begründung über eine angebliche Notwendigkeit dieser letztlich doch nur exklusivitätsheischenden Marotte: Denn das machen die nur und ausschließlich, um sich vor Erstsemestern und sonstigen Mittelhochdeutsch-Laien aufmandeln zu können, wenn diese es »falsch« sagen.

Zart versöhnelnd stimmt mich die Vorstellung, eine Mediävistin (m mitgemeint) schriebe etwas über den ihr ressortfremden Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und ihr unterliefe dabei ein »fauxpax« (sic; gelesen in einer Mediävistik-Dissertation) wie »das Gedicht Hugos von Hofmannsthal«. Tbh würde ich, läse ich das Korrektur, dann versuchen es durch sämtliche Korrekturen bis zum Druck durchzudrücken, hähä.

Slightly off-topic: Narrisch macht mich außerdem, dass man »Hofmannsthal« mit scharfem f vorne mit kurzem statt langem Vokal ausspricht. Warum, liebe Familie Hof»f«mannsthal und alle, die es euch nachtun, wisst ihr nicht mal, wie man euren Nachnamen richtig ausspricht?

Walter Benjamin’sche Hemmung

Nachts auf dem Nachhauseweg lag – ein selten Ding! – eine leere, tailliert eingedrückte Getränkedose auf dem Trottoir (Fanta normal). Ich hab sie leider nicht lässig weggekickt. Denn eine Hemmung hatte mich befallen wie Bart Simpson an der Zwille, als er graue Schuluniform tragen musste.

Die Hemmung wehte vom Paradiese her, die sich in meinen Flügeln verfangen hatte und so stark war, dass ich sie nicht mehr schließen konnte. Diese Hemmung trieb mich unaufhaltsam in die Zukunft, der ich den Rücken kehrte, während der Getränkedosenhaufen vor mir zum Himmel wuchs. Das, was wir den Fortschritt nennen, war diese Hemmung.

Battle

Hallo Freunde, ich habe beschlossen, Battle-Schriftsteller zu werden. Die erste Punchline wartet auf ihre Gegnerin:

Wo viele andere nur lallen /
Stell’ ich Schrift wie Jäger Fallen / YÖAH //

Komikkritik: Gedichtetag auf der taz-Wahrheit

Der wöchentlich wiederkehrende Ankündigungstext der Gedichte-Rubrik der taz-Wahrheit lautet: »Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit. Die Leserschaft darf sich an einem Poem über … erfreuen.« Aber was soll das?, nur weil Gedichte mancherorts den Ruf der angestaubten Form haben mögen – im Deutschunterricht werde man dahingehend eh bloß mit über hundert Jahre altem Zeug gequält, wen interessiere dieses Schnarchzeug –, braucht man doch nicht so altertümelnd daherzuschreiben. Warum nicht gleich: »Die Recipienten dürffen sih an Poeterey über … erfrewen«?
Über die veröffentlichten Gedichte nichts.

Martin Suter, Romanautor und »Dichter«

Wer einmal – pardon my french – wirklich ~beschissene~ Lyrik lesen will, besuche den Twitter-Account des Schweizer Schriftstellers Martin Suter.

Nach ein wenig Durchgescrolle frage ich mich ernsthaft, ob Suter seine ›Gedichte‹ ernsthaft twittert, oder ob ich einen (oder mehrere?) Ironielayer nicht gette:

»Die US Präsidentenwahl
Hat der Welt den Nerv getötet.
Sogar der Mond ist vom Skandal
Deutlich sichtbar leicht errötet.«

Gemeint ist in diesem am 21. Januar 2019 veröffentlichten Gedicht der an diesem Datum aufgrund einer totalen Sonnenfinsternis rot erscheinende, sogenannte »Blutmond«. Dass der Mond mit dem Erröten fast genau zwei Jahre zu spät dran ist – Trump wurde am 20.01.2017 inauguriert – und dass sich seit Trumps Amtseinführung vier weitere Mondfinsternisse ergeben haben (eine davon nicht sichtbar), ja mei, was soll’s, wenn’s uns halt grad so ein schönes Gedichtlein zum Twittern hergibt.

Zumal Suter ja jeden Mondschmarrn, noch so einen, der monatlich auftritt wie etwa ein fast (!) voller Mond, verarbeitet:

»Eine stille Winternacht,
Die Welt wie unbewohnt.
Und über diese Stille wacht
Ein fast voller Mond.«
(20. Januar 2019)

Gehen wir davon aus, dass er es ihm ernst ist mit seinen ›Gedichten‹: Dann handelt sich nicht nur um Banalitäten ersten Ranges, die nur aufgrund der Reimwörter aneinandergeleimt werden können, sondern, was noch vorher wehtut, um Gedichte, die mindestens in jedem dritten Vers derart holpern, wie man es allerhöchstens Onkel Erwin bei Gelegenheitsgedichten zum Geburtstag o.ä. nachsehen würde; zumindest, wenn man schon vier Bier getrunken hat.

»Ich bin auf einem weissen Berg.
So hoch liegt überall der Schnee,
Dass ich gar nicht darüber seh.
Bin wieder wie als Kind ein Zwerg.«
(19. Januar 2019)

Martin Suter, hoch oben aufm Berg, noch höher nur der Schnee, der ihn ringsum überragt, so dass er nicht mehr »darüber« sieht (der dritte Vers passt nicht, Q.E.D.). Wahrscheinlich hat ihm jemand eine Schneise durch die Schneemassen geschaufelt, durch die er jetzt durchlatscht. Weil wenn der Herr Dichter auf dem meterhoch eingeschneiten Berg umherwandeln will, soll er das natürlich tun können müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn er, wie jeder andere Mensch auch, einfach vernünftigerweise im Tal bleiben müsste. Was, wenn ihm eine Winterwanderung wie diejenige Goethes auf den Brocken im Harz verwehrt bliebe, aus der immerhin dessen »Harzreise im Winter« hervorging, die seinen Dichterruhm ja nunmal endgültig besiegelte? Nein, das kann niemand wollen, und deswegen schicken wir die Schneekatze hoch, metertiefe Schneisen zu pflügen. Und dass Suter sich darin dann fühlt nicht wie ein Halbgott, sondern wieder zwergenhaft wie ein Kind (richtig: Kleinkind), damit muss er entweder selber klarkommen, oder er dreht selbst das noch ins Poetische rüber.

Anderntweets macht er sich manchmal Sorgen:

»Wenn wir uns bereits am Morgen
Schon auf den Abend freuen,
Mache ich mir manchmal Sorgen,
Dass wir es einst bereuen.

Denn viel länger wirkt das Leben,
Wenn wir von dem dazwischen,
Uns ein wenig Mühe geben,
Auch etwas zu erwischen.«
(16. Januar 2019)

Von der unerträglich stümperhaften Form abgesehen: Da macht er sich also manchmal, während er sich am Morgen so richtig schön auf den Abend freut, Sorgen, eben dies irgendwann mal zu bereuen. Freilich macht er sich dabei nicht immer Sorgen, oder hört gar einfach auf, sich am Morgen auf den Abend zu freuen. Denn so tief scheint die ›Erkenntnis‹, dass das Leben »viel länger wirkt« (?!), wenn er sich den ganzen Tag über, von morgens bis abends, nur »ein wenig Mühe« gibt, »etwas« davon »zu erwischen«, nicht zu rühren, dass es ihn beim Sich-Sorgen-Machen immer aus der Sorgenbahn trägt oder er es halt gleich ganz bleiben lässt und stattdessen versucht, was vom Leben – das sich verhuschelt-wuzelig zu entziehen scheint wie ein Eichhörnchen – zu erwischen.
Und worauf freut er sich eigentlich, unser Herr Dichter? Auf den Flug der Minerva etwa, die diesen bekanntlich erst abends startet? Ohne die Antwort apodiktisch vorwegnehmen zu wollen, stelle ich sachte zur Diskussion: Wohl kaum.

Viellipp der Multimünder

Viellipp der Multimünder
Stopft sich euch
In seine Schlünder

Aber

Gleich unzerkauten Felsen
Spreizt ihr euch
In seinen Hälsen

Doch

Trotz Bissen und trotz Schlägen
Schlingt er euch
In seine Mägen

Nach

Verdauung noch und nöcher
Scheißt er euch
Durch seine Löcher

Allein sein

Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen, wird Alfred Polgar gerne zitiert. Mit Facebook verhält es sich ebenso, möge es von mir einstmals überliefert werden.

Freilich, damit erzähle natürlich nichts Neues oder gar Schuppen-von-den-Augen-Abschuppendes. Aber so in dieser Form fände ich das schon ganz hübsch:

»Auf Facebook sind Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.« (Der Große Diesbezügliche)

Keine halben Sachen, bitte!

Leute, die ihr bei manuellen U-Bahntüren nur eine der beiden Türhälften öffnet – eure Strafe im Fegefeuer sei eine ewige U-Bahnfahrt, ohne Ausstieg, ohne Endstation, es möge dabei immer morgendlicher Werktagsverkehr herrschen, alle Sitzplätze sollen belegt sein, die Stehplätze auch und euer Kopf möge angeschmiegt werden von Schultern, Oberarme sollen euch einklemmen links und rechts und vorne und hinten, Hutkrempen mögen in einer Tour euer Gesicht streicheln und Pelzkrägen ebenso, Hunde eure Hände ablecken, sämtliche Handschlaufen mögen vollgeniest sein mit gelbem und grünem und meinetwegen auch weißlichem Lungenauswurf, Heuschrecken sollen durchs Abteil schwärmen, Frösche eure Hosenbeine hochschleimen, Mücken und Fliegen in eurem nassgeschwitzten Kragen sitzen, Stroh soll herumliegen und ihr euch fragen warum, an jeder Haltestelle mögen Abgase ins Abteil schwallen (und zwar durch vollständig geöffnete Türen!), der Schaffner möge fortwährend unverständliche Durchsagen machen, die verstanden zu haben ihr bestätigen müsst, nach jeder Station sollt ihr kontrolliert und wegen Schwarzfahrens zur Strafkasse geschickt werden, Harn- und Stuhldrang möge euch plagen bis kurz vorm Zerreißen und jede Haltstelle soll aus nichts als Toiletten bestehen (dumm nur, dass ihr ja nie aussteigen könnt), in Erbrochenem von Wochenendnachtfahrgästen sollt ihr stehen bis zu den Knöcheln, der Schweiß soll nicht nur die Fenster beschlagen, sondern auch von der Decke tropfen, der U-Bahnfahrer soll in die U-Bahnhöfe bremsruckeln, dass es euch fast auskommt, der Fahrgast neben euch möge Elektro hören, als sei Samstagnacht im Club, in den Kreißsaal sollt ihr dringend müssen und auf eine Beerdigung, zu einer Prüfung wie zur Konkursverhinderung eurer Firma, der Blinddarm möge euch plagen in der Größe vom Schoße bis zum Halse, die rettenden Insulinspritzen für eure Diabetes mögen in den U-Bahnhöfen bereitstehen (dumm nur, dass ihr ja nicht aussteigen könnt), euer Vater möge euch vom vorderen Abteilende aus beäugen und eure Mutter vom hinteren, die Lampen sollen flackern und [Fragment]

Über Wortspiele

Wer sich angelegentlich eines hier geposteten Wortspiels (Vox populi: «eines schlechten Wortspiels») erbost oder gar betrübt findet, möge sich stets vor Augen halten, dass Diogenes einmal ein Buch eines recht bekannten Autors verlegte, das den unten gezeigten Titel trägt. Dann geht’s gleich wieder!

Bernhard-Schlink_Selbs-Betrug.jpg

Das ist übrigens kein Ausrutscher: Es gibt von Schlink auch noch «Selbs Justiz» und «Selbs Mord». Als ihm diese Titelscheißen bei Diogenes durchgehen gelassen wurden, schaute Bernhard Schlink jedesmal so: [klick]

Scharfe Kurven

Bei Kurven wird die Schärfe übrigens in Scoville gemessen. Unscharfe Kurven haben 0 Scoville, ottonormalscharfe Kurven bis zu 100.000 Scoville (wird häufig bei Serpentinen erreicht) und die mexikanische Kurve «Mad Dog 357 No.9 Plutonium», die schärfste Kurve der Welt, hat 9.000.000 Scoville.

Kurven können jedoch nicht unendlich scharf sein, die Obergrenze der Scoville-Skala liegt bei 16.000.000, was einer sogenannten «reinen Kurve» entspräche – jaha, «entspräche», weil vorstellen kann sich das kein Mensch mehr. Leute, die auch nur annähernd eine 16-Triple-K («16-kilo-kilo-Kurve») errichten wollen, werden von Kurvenkonstrukteur_innen einfach ausgelacht.

Wie bei der Quantentheorie gibt es weltweit nur eine einstellige Anzahl von Menschen, die die Theorie reiner Kurven anhand mathematischer Formeln wirklich verstehen (behaupten sie jedenfalls, und lachen alle, die das anzweifeln, einfach aus). Dieser Kreis von Menschen nennt sich Inner Circle of Curveology.

Beim jährlichen 16 Triple-K C («16-kk-Kurven-Congress») in Kurvaariisvingloipaanen, dem einzigen Ort der Welt ohne einen einzigen Meter gerader Straße oder Wegs, versichert man sich mit großem Hallo der eigenen Superiorität, freut sich, qua sakrosankter Suprematie nicht forschen zu müssen, und fährt ansonsten mit der Achterbahn «Wilde Maus» – dieser einen da, wo du mit der Gondel erst sturheil geradeaus fährst und plötzlich kommt eine 150.000-Scoville-Kurve (180 Winkelgrad), und wo du eben noch geglaubt hast, du fährst jetzt direktemang ins Nichts und das war’s, reißt’s dich um die Kurven und auf einmal geht’s wieder in die andere Richtung und so in einem fort.

Zu ihrem Gaudium – das sei noch erwähnt, damit zumindest dieser urbane Mythos entzaubert sei – haben sich die Theoretiker der reinen Kurve eine Kurvenart namens «Kurve süß-sauer» ausgedacht. Wenn sie gefragt werden, was es damit auf sich habe, man kenne schließlich nur scharfe Kurven, lachen sie eine_n nur recht saublöd aus. Denn in Wirklichkeit gibt es die «Kurve süß-sauer» überhaupt nicht, es ist nur einer dieser abgeschmackt-faden Witze von Wissenschaftler_innen, die sich ihren Dünkel nicht eingestehen wollen und sich lieber mit solcher Art «Humor» über intellektuelle «Kartoffelstampfkneter» erheben. Allein schon wegen dieser Frechheit geschieht es dem Inner Circle of Curveology ganz recht, dass seinem Ansinnen, Kurvaariisvingloipaanen zum offiziellen Kurv-Ort ernennen zu lassen, seit vielen Jahren nicht entsprochen wird. Nix wird’s also mit Bäänd Kurvaariisvingloipaanen, häähää!

Aufforderung an Genazino

In memoriam Wilhelm Genazino (22.01.1943–12.12.2018)

 
27.04.2018 – Der Schriftsteller Wilhelm Genazino soll in seinen Nachnamen noch ein u einbauen müssen, um das Vokalensemble zu komplettieren.
Bei der Gelegenheit könnte er dann gleich das «nazi» zerschießen. Wie wär’s also mit «Genauzino»? Eckhard Henscheid würd’s freuen: «Geht in Ordnung – Sowieso – – Genau – – –»

Anlehnung

Hat eigentlich Chuck D (Public Enemy) seinen Künstlernamen in Anlehnung an Jacques Derrida gewählt?

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(So wie sich Thea Dorn ja auch nach THEodor w. ADORNo benannt hat *eyeroll* Hier die komplett idiotische Begründung aus dem SPIEGEL SPECIAL-Artikel «Mord auf dem Campus. Kesses [!] Debüt einer examinierten Philosophin» (10/1995): «Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken.» h/t Matthias Warkus)

E-Werk, Lesung

Vor einiger Zeit habe ich zum ersten Mal auf einer Bühne vor Publikum gelesen, in der Clubbühne im E-Werk Erlangen. Leider nichts eigenes, sondern einen in Zusammenarbeit mit zwei lieben Freundinnen verfremdeten Text des diesjährigen Erlanger Poetikdozenten Friedrich von Borries. In dem, das war die wesentliche Transformation des Ausgangstextes, 5% der Wörter aus «Schwanz» bestanden. (In Borries’ Text geht es an dieser Stelle im Rahmen einer Turnschuh-Produktpräsentation um eine Schuhsohle.)

Was soll ich sagen? Vor unserem Auftritt war ich erstaunlich – für meine Verhältnisse gar bemerkenswert – unaufgeregt, nur kurz vorher kickte die gewöhnliche Nervosität rein. Als ich las, hatte ich jedoch praktisch sofort eine Mordsgaudi. Wie man sie haben kann, wenn man sleazy-lasziv einen Schwanz präsentiert. Erstaunt, um nicht zu sagen pikiert, aber zugleich amüsiert, schauten mich die Leute an, die ich bei jedem «Schwanz», obwohl ich angesichts des Gegenlichts kaum jemand erkennen konnte, in den Blick nahm. Leider war unser Auftritt recht kurz und mein Part hatte, wenn man den Anteil der beiden Freundinnen als Schaft des Textes betrachtet, nur in etwa Eichellänge. Bock hatte ich jedoch voll und ich hätte auch noch viel länger gewollt! («Andreas 🙄🙄🙄 !») Aber was will man machen.

(Was ich in jedem Fall machen will: Wieder lesen. Und zwar gerne was eigenes, d.h. etwas von den Sachen, die ich bislang auf meinem Blog veröffentlicht habe. Einschränkung: keine Poetry Slams. Und die Leute müssen halt Komik abkönnen können. Falls wer was weiß: gerne Email/PM)

Die Idee des Sozialismus

Hermann Michels und Regina Göllner, c/o Suhrkamp Verlag!

Da gestaltet ihr den Umschlag von Axel Honneths 2015 erschienenem Buch «Die Idee des Sozialismus» (in notabene Orange) und macht auf dem Backcover was? Genau: In einem Satz die komplette «Idee» spoilern!

Verrät nicht, was er von euch hält: Salon du Fromage

 

 

Studio Braun/Gereon Klug: Kunst, Verzweiflung und Humor

Gereon Klug, u.a. Tourmanager von Studion Braun (Heinz Strunk, Jacques Palminger, Rocko Schamoni), las letztes Jahr im Erlanger E-Werk an einem Donnerstagabend aus dem von ihm herausgegebenen Studio-Braun-Buch «Drei Farben Braun». Außer mir waren vor Lesungsbeginn noch zwei andere Gäste da, junge Männer von vielleicht 17 Jahren (beide hatten, wie sich während der Pause herausstellte, weder Klug noch Studio Braun gekannt, aber einer von beiden hätte die Tickets halt von einer Tante zum Geburtstag bekommen. Gute Tante!).

Klug war, als er sich an seinen Lesungstisch setzte, zwar nicht begeistert, aber doch amüsiert. «Es gilt», meinte er dann gleich eingangs, «die alte Künstlerregel: Wenn mehr Leute im Publikum sitzen als auf der Bühne, wird die Show durchgezogen». Was er dann auch tat. Und auch ganz so, als hätten 50 Leute auf den Rängen gesessen (die kleinste E-Werk-Bühne hat Ränge). Nach ca. 15 Minuten schraubten zwei zusätzliche Gäste, die sich offensichtlich nicht nur ins angrenzende Bistro verirrt hatten, die Zahl der Anwesenden auf astronomische fünf.

Klug indes feuerte unbeirrt, und ohne für kommende Lesungen etwas aufzusparen, alles raus, was er vorbereitet hatte: Texte, Audio, Video und Zwischendurchanekdoten ohne Ablesen. Dass ich meist der einzige war (Publikum rein männlich), der lauthals lachte, war mir wurscht. Nach der Lesung ließ Klug sich noch herab und kam die Ränge herauf, woraus sich noch eine stattliche Unterhaltung ergab.

Kurzum: Gereon Klug für Studio Braun im Dienste von Kunst, Verzweiflung und Humor, ganz ohne sonstige Scheiße. 9/10

Alfred J. Kwacques

Von StudiVZ hab ich mich damals abgemeldet, weil ich das falsche Komma in dem Gruppennamen «Alfred J. Kwak ist hundert pro, manisch-depressiv» nicht mehr ausgehalten habe.
Wäre StudiVZ heute noch «a thing», ich würde in diese Gruppe nicht wieder eintreten, aber eine namens «Alfred J. Kwacques Derrida ist hundert pro manisch-dekonstruktiv» gründen.

Selbstauferlegung

«Mit Zitaten vom Kaliber ‹Goethe an Eckermann, 4.7.1827› oder ‹Benn an Oelze, 1.6.1952› werde ich wohl noch warten, bis ich die Vierzig überschritten habe; davor nimmt einen doch niemand für voll.» (Goethe an Benn, Quatsch: Lugauer an Internet, 10.11.2018)

Effi

Effi, der Vorname der Effi Briest aus Theodor Fontanes «Effi Briest», ist übrigens eine Abkürzung. Kein Mensch heißt nur Effi, nicht mal Effi Briest. Die Langform ihres Vornamens ist: Effizientia. Als Fontane sein Buch «Effizientia Briest» den Verlagen anbot, schickte man ihn aber stets wieder heim. «Haha, der Titel! Mit dem bleibt uns das Teil in den Regalen liegen wie ein Sack Heine! […] Woher wir das wissen wollen? Haben Sie schon mal von Algorithmen und Consumer Behaviour Analysis gehört? – Nein? Das dacht’ ich mir. Ja dann tschau, ne, Herr Fontaune! Pardon: Fontane.» Nachdem ihm die Abweisungen dieser Art zu bunt geworden waren, setzte er sich, nicht unpfiffig, an den heimischen Schreibtisch, kürzte den Titel zum flotten Dreisilbler zusammen und machte sich mühsam auf die Suche nach jeder «Effizientia», um auch diese alle zu kürzen. «Joa», sagte der Grobian von vor einem Satz, als Fontane abermals vorstellig wurde, «so könnt’s klappen! Dass es innen so langweilig ist, wissen die Kund_innen im Laden ja noch nicht.» Und so nahm das langweilige Unglück seinen langweiligen Lauf.

Poetologie des Unfugs

– «So tell me, how do you manage to come up almost daily with those crazy, yet super funny puns?»
– «Well, usually I operate here with my pun-pan, where I work on the material with a tool from Germany called Redewender. The rest is, well, [indistinct chatter]»
– «Ah, that’s the secret!»

Programmhinweis für morgen, Sonntag, den 23.09.2018

Leute, ich bin im Radio, und zwar «morng!» (Camillo Rota)

Um 16 Uhr läuft die entzückende Sendung Eisenbart & Meisendraht – Magazin für Eigenart des zauberhaften Camillo Rota und noch so eines Typens, den aber keiner kennt. Mein Text «Der Kokon des Philosophen» erfährt darin seine Weltpremiere. Eingelesen habe ich ihn selber. Die Luft vor euren Empfangsgeräten wird erotisch glimmern und eventuell sogar flirren, so dass ihr den Rest der Sendung vor lauter Angegeiltheit wahrscheinlich gar nicht mehr mitkriegen werdet. Aber das wäre nicht so tragisch, denn nach ein paar Tagen wird’s die Sendung bei den üblichen Anbietern als Podcast geben.

Also, kurbelt euch rein: morgen, Sonntag, 16 Uhr, Radio Z (Nürnberg 95,8 MHz oder Livestream auf www.radio-z.net)!

Max Goldt zum Sechzigsten

Gestern wurde der Dichter Max Goldt 60 Jahre alt. Anlässlich seiner letztjährigen Nürnberger Lesung am 29.12.17 hatte ich hier eine kleine Hommage an Goldt veröffentlicht. Darin hatte ich unter anderem angemerkt, Goldt jährlich ‹zwischen den Jahren› lesen zu sehen, sei «mittlerweile zur süßen Gewohnheit geworden wie der alljährliche grippale Infekt nach den Weihnachtsfeiertagen – der dieses Jahr allerdings, ‹toi toi toi›, erfreulicherweise ausblieb.» Leider jedoch hatte das «toi, toi, toi» überhaupt nicht geholfen, und so war ich wenige Tage später von einem solchen Infekt heimgesucht worden– und nicht nur von einem! In der Folgezeit «war ich so erkältungsanfällig [gewesen], daß ich manchmal sogar die Schnittmenge zweier Erkältungen erlebt [hatte] – die Nachwirkungen der gerade zurückliegenden [hatten] sich mit den Vorboten einer kommenden [überlappt].» (Max Goldt: Über kaltes Duschen)

Was ich nach überstandenem Erkältungsquartal jedoch nicht getan hatte, war, mir ganzjähriges kaltes Duschen anzugewöhnen, wie Goldt es im zitierten Text aus Gesundheits- wie aus Energiespargründen empfiehlt. Freilich ist es sommers ganz und gar erquickend, sich während Hitzeperioden morgens und abends und auch mal dazwischen eiskalt abzubrausen, aber im hiesigen Badezimmer ist es zur Winterreifenzeit von O bis O, d.h. von Oktober bis Ostern, so ungemütlich, ich müsste schon strenggläubig sein, um mich der Selbstkasteiung ausschließlich kalten Duschens auszusetzen.

Aber man muss Goldt, so wohlbegründet seine Empfehlung sein mag, ja auch nicht alles nachmachen. Wie man ihm, wenngleich er ein Autor mit vergleichsweise sehr hohem Volumenanteil wahren, zustimmungswürdigen Inhalts ist, auch nicht immer alles zu glauben braucht. So etwa die Behauptung am Ende des zitierten Textes. Dort schreibt er nach der Bemerkung, wohl habe er gehört, dass Männer mitunter als Warmduscher beschimpft würden, nie aber habe er gehört, dass einer Frau mit dem Schmähwort Warmduscherin «die Lebenszähigkeit» abgesprochen worden sei:

«Wie mancher weiß, bin ich ein Sammler noch nicht breitgetretener Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Hier ist ein neuer, gewissermaßen allerletzter: Ein Mann wechselt mit dem Tode sein Geschlecht. Aus ‹der Mann› wird ‹die Leiche›. Frauen haben nicht unter dieser ungewollten grammatischen Todestranssexualität zu leiden.» (a.a.O.)

Ob Max Goldt bei jeder Lesung dieses Textes schwitzt über der Angst, jemand aus dem Publikum könne diesem Textende lauthals entgegenhalten, «die Frau» erführe diese Todestranssexualität durchaus, indem sie zu «dem Leichnam» werde? Und wenn der Einwand wirklich käme, wäre er ausreichend gewappnet, darauf so etwas zu erwidern wie, man müsse das halt dialektisch betrachten: «die Frau» behielte ihr Geschlecht als «die Leiche» und wechselte es als «der Leichnam», während es sich beim Mann umgekehrt verhalte und sich These und Antithese hie wie da nicht synthetisieren ließen?

Vielleicht plagt ihn diese Sorge bei solchen Gelegenheiten tatsächlich, wird aber von Goldts jahrelanger Kenntnis seines Publikums gemildert, wo nicht verdrängt, da dort kaum rotzfreche, vorlaute Leute rumsitzen, die sich entblöden würden, den «Leichnam»-Einwand auf die Bühne zu plärren. Weswegen Goldtlesungen auch stets so angenehm sind. Obzwar bei der letztjährigen Lesung vor Beginn erstmals Selfie-machende Couples bzw. «Pärchen» (Goldt) zu sehen waren. Ach ach!

Früher war alles ausgeleiert

28.08.18: «Kinder heutzutage», vermeldet die Ansagerin im Klassik Radio bereits um 6:52 Uhr, «wissen ja gar nicht mehr, was sie mit einem Bleistift und einer Kassette machen sollen.» Ich ehrlich gesagt grad auch nicht, und ich bin ein Kind von immerhin ein bisschen früher. «Was war das für ein Drama, wenn das Band einer meiner Bibi-Blocksberg-Kassette ausgeleiert war!», reminiscirt sie fort, und schon schnackelt’s auch bei mir. Nachdem sie das Thema Kassetten und Bibi Blocksberg noch ein wenig ausgeleiert hat – ich höre wegen der Müslivorbereitungen nur mit halbem Ohr hin, manches überhöre ich auch wegen des aufbrandenden Wassers im Kocher –, schließt sie mit den Worten: «Und manchmal, wenn es mir ganz schlecht, höre ich immer noch eine Kassette von damals.» Oh je, denke ich, hoffentlich geht es Ihnen nicht zu oft schlecht, aber zefix DAS GLAUBST DU DOCH SELBST NICHT was du da verzapfst! Da wette ich 100 Sesterzen, dass sie überhaupt kein Kassettendeck und keinen Kassettenkram mehr hat, und wenn doch, dann hört sie damit keinesfalls die alten Blocksbergkassetten, sondern NIX. Und außerdem: Warum in Gottes Namen sollte ein Kind heutzutage wissen, was man mit einem Bleistift und einer Kassette macht bzw. wie man ein ausgeleiertes Kassettenband wieder aufwickelt! Menschenskinder, ab morgen höre ich zum Frühstück Death-Metal-Radio. Da versteht man wenigstens nichts.

HR Giger

1 Milliarde Bilder von HR Giger sind übrigens 1 HR-Gigerbyte. Und das Vornamenskürzel HR – für die, die’s noch nicht wissen – steht für Hessischer Rundfunk (in schweizerischer Aussprache: Hessischrr Rundfunkch). Diese Kränkung seitens seiner Eltern verwand der Schweizer Maler nie und malte zeit seines Lebens daher ausschließlich Bilder, für die sich Mama und Papa in Grund und Boden schämen sollten. Den Namen kürzte er ab, und wer ihn dennoch aussprach, die/den operierte er zur Strafe mit allerhand Implantaten und Schläuchen zum grotesken Maschinenmenschen um, wovon er freilich Bilder anfertigte, mit denen er dann einen Haufen Geld verdiente. (Er schuf 2,5 HR-Gigerbyte.)

Programmvorschau

Gestern habe ich bei der Literaturradiosendung Eisenbart & Meisendraht – Magazin für Eigenart (EBMD) auf Radio Z einen Text eingereicht. In der Ausgabe vom 23. September legen sie ihn auf den Äther. Thema der Sendung ist «Bett», daher schrieb ich eine widerwärtige kleine Bettgeschichte.

Wer mich kennt: An Tagen nach Biertrink-Abenden habe ich immer so eine erotische Stimme und würde am liebsten allen Leuten WhatsApp-Sprachis schicken. Das geht aber nicht, und auf Facebook kann man bedauerlicherweise keine Sprachnachrichten posten. Daher werde ich mir am Tag vor der Aufnahme ordentlich einen ansaufen und den Text dann derart erotisch-rauh ins Mikrophon hauchen, dass bei euch daheim die Luft flirren wird. Also: 23.09., 16 Uhr, Radio Z – kurbelt euch rein!

Links:
Podcasts der bisherigen EBMD-Sendungen
EBMD-Autor*innenportraits

Champion

21.08.18: Heute neue Bildschirmschutzfolie aufs Smartphone geklebt (mit der alten musste ich oft umständlich scrollen, weil man stellenweise nur mehr schlecht durchsah). Und es hat bereits beim ersten Versuch geklappt, yeah! Wer’s kennt, kennt die Probleme: unherausknibbelbare Luftblasen, Staubpartikel unterschiedlicher Formen und Beschaffenheiten (Körnchen, Härchen etc.), Schiefheit, Überstand u.v.a. Besäße ich einen Sohn und hätte er das ebenso flink und shmoov hinbekommen, würde ich ihn gelobt haben mit den Worten: «Gut gemacht, Partner!» Dann würde ich aus dem Kühlschrank eine Cola und ein Miller Light holen und hinterm Haus mit ihm ein bisschen pitchen üben – mit dem Handschuh, den mir damals Ray Burkfield nach seinem goldenen Spiel bei den Swooshers geschenkt hatte. Das waren vielleicht Zeiten; und an solchen Sommerabenden dachte ich gerne daran zurück. Wenn der Junge dranblieb, könnte er es in ein College-Team schaffen und mit ein bisschen Glück bis in die Major League Baseball aufsteigen. Das wär’s! Dann könnte ich die vier Hypotheken auf einen Schlag abbezahlen, die schäbige Hütte hier gleich verkaufen und rüber nach Womptonton Hill ziehen. Zu seinem Spielerberater würde ich mich ernennen, ob er wollte oder nicht. Wer hatte ihn schließlich immer gefördert und das äußerste von ihm verlangt? Seit der Scheidung war ich ja auch der einzige, der sich um ihn kümmerte. Außerdem gab es da noch dieses dunkle Geheimnis, von dem er nicht wusste, dass ich es weiß. «Konzentrier dich, Partner, sonst wirft dich der Coach wieder aus dem Kader! Dann kannst du auf ewig vorn an der Straße Limonade verkaufen. Willst du, dass dein Dad stolz auf dich ist oder einen Versager zum Sohn hat?»

Adorno: Ambitionen des Abiturienten

Adornos Abituriumsaufsatz gelesen («Die Natur, eine Quelle der Erhebung, Erbauung und Erholung», in: GS 20.2). Schon der erste Satz, «Das Wort ‹Natur› bedeutet in seinem allgemeinsten Sinne die Gesamtheit des unbewußten Daseins schlechthin», lässt die Münder offen stehen. Hat er sich das nun ausgedacht, von irgendwoher brav gemerkt, etwa abgekupfert oder gar einfach abgeschrieben? «A posteriori» (ders., später) deutet vieles auf ausgedacht oder wenigstens gemerkt hin.

Bald nach diesem Hammersatz verlässt er das (wahrscheinlich schon wieder fad gewordene) lexikalisch-definitorische Terrain und fährt wenig erbarmend gesellschaftskritisch fort, mit zart bereits grüßender unbarmherziger Kulturkritik, jedenfalls Kritik-kritisch im schon kantischen Sinne:
«Daß sich der einfache Mann unter der Natur den Wald vorstellt, zeugt lediglich davon, daß er unfähig ist, das Erlebnis der Natur in eine begriffliche Form zu fassen, und es darum mit einer rein sinnlichen Vorstellung zu bannen strebt.»
Sakrament, das sitzt schonmal – medias in res publicas! Ein Schelm, wer sich die Lehrkraft als einfachen Mann und Theodor (noch ausgeschrieben:) Wiesengrund als Schelm vorstellt.

Vollends in sich hat’s denn das Ende des Aufsatzes. So ein Abituriums-Aufsatz markiert «freilich» (a.a.O.), d.h. vielmehr: bekanntlich ja eine merkliche Zäsur, gar das Ende der ersten Phase der Wissenserlangung – und darum unterlässt der gedankenkraftstrotzende, wo nicht ein bissl -protzende Adoleszent Adorno es nicht, schon im drittletzten Satz den Gipfel möglicher Erkenntnis zu offenbaren, nichts weniger nämlich als den Sinn des Lebens:
«In dem Naturerlebnis vollzieht sich die Gestaltung der Welt im Ich: eine gestaltete Welt geht in ein gestaltetes Ich sinnvoll ein, leuchtend im Abglanz des Göttlichen. Die Welt aber im Ich zu gestalten, ist der Sinn des Lebens.»
Sauber! 1921 Jahre nach Jesu Geburt bloß brauchte es, bis einer drauf und dem Herrn dahinterkam! Wofür’s «freilich» (ders.) prompt einen Einser gab.

Und vor dem Horizont dieses fünfseitigen Aufsatzes nun erscheinen sämtliche anderen Werke und Aufsätze seiner Gesammelten Schriften von immerhin Stücker 20 Bänden als nichts mehr denn als mickrige Fußnoten; für Außenstehende notwendige zwar, aber mehr schon aber wieder nicht.

Über den Rummel

Freitagabend war ich zum ersten Mal seit ich glaub 6 Jahren mit Freunden aufm Rummel. Nürnberger Frühlingsfest nennt sich der hier. Das Wort Rummel benutzte ich heute zum allersten Mal überhaupt, sonst wegen meiner Herkunft halt immer Volksfest, deswegen schreibe ich es hier zum dritten Mal: Rummel. Oh man dachte ich jetzt muß ich auch wieder lustige Post schreiben über was ich aufm Rummel (4) erlebte. Weil in letzter Zeit war es paar Mal schon vorgekommen daß Leute mir was „Lustiges“ erzählt hatten und dann gemeint hatten ich solle da mal lustige Beitrag drüber schreiben. Ja richtig, seit ich im Internet aktiver bin Weiterlesen

Der Neue Mensch

Hymnus ad majorem gloriam hominis novi

Er ist da! Der Neue Mensch, wie ihn ein jedes Zeitalter als Strebensziel der Niederen
Zwischen den Schenkeln hervorpreßt, ist da:
Der regionalbahnfahrende Klappradpendler in flammender Funktionskleidung!
In heroischer Selbstnegation steht er
Neben seinem (kurz vor der Fahrscheinkontrolle)
Eingeschlagenen und
Ineinandergeschobenen
Vehikel aus zusammengeflanschten, neonfarben lackierten Stahlrohren,
Hybrid blickt er durch seine
In zartem, nur drähtchendickem, schwach mattschimmerndem Metall Weiterlesen

Schnee

Spätnachmittags, es hat geschneit. Die Bauarbeiter auf der Großbaustelle gegenüber frohlocken, verzichten auf Steine und Mörtel, sie bauen die Mauern mit Schnee weiter, immer höher und höher! Das große Baustellenlicht (mehrere Tausend Watt) leuchtet heut’ sicher lange in den Abend hinein und die Kopfkissen werden zufriedene Gesichter betten.

Idee für ein Drama

1. Person Singular: Königin
2. Person Singular: Der Königin Gemahl
3. Person Singular: Dessen Liebhaber

1. Person Plural: Der Hofstaat
2. Person Plural: Das Gesinde
3. Person Plural: Saunaclub

5 Akte, mit Exhibit Exposition, Klimax, retardierendem Moment etc.

Homer Simpson und die Bibel

Homer Simpson ist wohl gar nicht so dumm und ungebildet, wie alle immer denken! In irgendeiner Folge, es muß eine nach den goldenen ersten elf Staffeln gewesen sein, wird er gegen seinen Willen per Flugzeug irgendwo hingeflogen; ich meine mich zu erinnern, daß er sogar außen am Flieger dranhängt. In seiner Angst und Verzweiflung ruft er höheren Beistand an: «Rette mich, Jebus!»

«Haha, lustig!», lachten darüber alle, «er muß Woche für Woche in die Kirche gehen und weiß trotzdem nicht mal richtig, wie einer der dortigen Drittelchefs mit Vornamen heißt – wie peinlo!» Peinlo aber in Wirklichkeit für alle, die den Serienmacher/innen dergestalt auf den Leim gingen, denn sie kennen das alttestamentliche Buch Deuteronomium nicht. Dort ist in Vers 20,17 Weiterlesen

Henscheid d. J. über Adorno über »Fit« »for« »Fun«

„Ach!, hätte Adorno doch das Erscheinen der Zeitschrift ‹Fit for Fun› noch erleben dürfen, er hätte im Dreieck geschrieben! Elysisch-flirrend-herzumspielend die Vorstellung, wie er, der inneren Logik des Titels folgend, beginnend beim Stahlbad »Fun« über das zwecklerische »for« zum die Autosuppression indizierenden »Fit« sich, hihi, vorarbeitend Kaskade um Kaskade, stetig komplexer werdend wie stets, in die Schreibmaschine meißelt – freilich ohne Weiterlesen

Ein halbes Dezennium Goldt

Heute sehe ich zum fünften Mal in Folge Max Goldt, den (man verzeihe mir den eigentlich unpassenden, aber zum Zwecke der Alliteration verwendeten Ausdruck Doyen) Doyen der Digression, ‹zwischen den Jahren› im Nürnberger Hubertussaal. Das ist mittlerweile zur süßen Gewohnheit geworden wie der alljährliche grippale Infekt nach den Weihnachtsfeiertagen – der dieses Jahr allerdings, «toi toi toi», erfreulicherweise ausblieb.

‹Zwischen den Jahren›, das sagen die Leute, weil ihnen als «Jahr» nur die Zeit ehrlicher Hände Arbeit gilt, was recht hübsch auch durch das Gegensatzpaar «unter der Woche» für die Werk- und «Wochenende» für die arbeitsfreien Tage Sams- und Sonntag illustriert wird. Denn ‹zwischen den Jahren›, Weiterlesen

Pfade

Straßennamen in Georgetown· Texas (benannt nach dem berühmtesten sohn der stadt Bingen am Rhein· Stefan George):

• George-Kreis-Verkehr
• Am totgesagten park
• Der Siebente Ring
• Algabalallee
• Hofmannsthal-Weg· (Sackgasse)

Die Maximin-geschwindigkeit beträgt 16 km/h.

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An M. F.

Wenn ich, wie Du, mich nie dem Liken menge
Und stillen Monitorings Segen suche, –
Ich werde nie mich neigen vor der Strenge
Der fremden Prüfer in dem blauen Buche.

Sie sitzen ewigscrollend vor den Röhren
Und harren deiner lang ersehnten Kunde,
Sie kürzen sich die Zeit schon mit Likören –
E i n  Post von Dir wär’ ihnen Sternenstunde.

Doch, wenn Du, Dunkler, den schon Desparaten
Die Timeline zierst, dann jubeln sie verschieden;
Dich liken manche dann, den Renegaten
(Und können ein Zurücklike kaum erwarten),
Die meisten aber nicken nur zufrieden.

(Andreas Maria Lugauer, nach einer Vorlage von Rainer Maria Rilke)

 

Hym(n)en

Vor langer Zeit hatte ich an der Uni ein Referat über die Hymnen Goethes zu halten (‹Prometheus› etc.).
Als kleinen Witz hätte ich dabei gerne «Goethes Hymen» als Überschrift aufs Handout gedruckt (Hymen ist griechisch für Jungfernhäutchen). Aber das traute ich mich dann nicht; auch wenn Goethe hinsichtlich Hymen bzw. Defloration kein unbeschriebenes Blatt gewesen sein dürfte und es insofern sogar eine gewisse Berechtigung gehabt hätte, zumal das Seminar sich ausschließlich mit dem Werk des jungen Goethe beschäftigte. Bis heute ärgere ich mich darüber, diesen Witz ausgelassen zu haben.
Nicht schlecht staunte ich nun, wie der Lyriker Stefan George dieses Problem 1922 bei seinem Gedichtband ‹Hymnen – Pilgerfahrten – Algabal› gelöst hatte. Der alte Hammel.

Lieber nicht

»Pfarrbrief Sankt Vitus!«, begehrte die Frau durch die Sprechanlage Einlaß ins Haus zu den Briefkästen. »In diesem Haus wird ausschließlich dem Satan gehuldigt. Danke.«, antwortete Winfried nicht, sondern drückte erwiderungslos den Türsummer. Für so eine gewitzte Reaktion war er nicht schlagfertig genug. Genau genommen war Winfried überhaupt nicht schlagfertig. Die Reaktion auf die Pfarrbriefausträgerin fiel ihm, wie stets so etwas, Weiterlesen

Alles spült

Traurig knöpfte Winfried seinen Hosenstall zu. Die automatische Spülung des Urinals war dieses Mal sogar zweimal losgegangen, während er noch im vollen Schwange uriniert hatte.

»Tragischer Unfall bei Spaziergang« notierte man sinngemäß auf dem Totenschein, nachdem Winfrieds bleiche, aufgeschwemmte Leiche einige Zeit später aus dem Fluß gezogen worden war; eine Fischerin hatte Weiterlesen

Kriminalgeschichte

… langsam, aber unsicher machten die Kommissarinnen Fortschritte: die Beweise gegen die Verdächtige waren zwar erst hieb-, aber noch nicht stichfest, doch es zeichnete sich ab, daß sie ein höchstens wasserabweisendes Alibi hatte … [Fragment]