Der Abstieg

Provinzfußball in Niederbayern um die Mitte der Nullerjahre, am letzten Spieltag Abstieg von der Kreisliga in die Kreisklasse. Niedergeschlagenheit, gar Verzweifelung in allen Gesichtern und Gelenken und unter die Schienbeinschoner hinuntergewuzelten Trikotstutzen; außer beim Gegner und seinen Fans, die eben nicht abgestiegen sind. Die sollen alle schauen, dass sie heimkommen, am besten gleich vom Platz weg und ohne noch mords Wasser wegzuduschen. »Diese Wichser, die!«, »der scheiß Schiri!«, »Ihr seid’s aber auch alle selber schuld, weil’s immer so sauft’s, obwohl wir am nächsten Tag Spiel haben!« – Analysen dieser Art verlassen so manche grantige Kehle, wohingegen andere ochsendumm herumsitzen und, wie’s scheint, in existenziell schwarze Abgründe schauen; bloß dass nicht mal mehr die zurückblicken. Drüben am Kinderspielplatz bauen zwei Buben ein kleines Schlammschloss, und während sie mit den Stäbchen ihrer Steckerleise die Burgfahnen hindrapieren oder eher hinimaginieren, muss der Papa am Sportheimeingang zurückgehalten werden, damit er nicht allen sofort eine aufstreiche, wie er erbost umherschleudert, »ihr Wichser alle!«

Jetzt muss man wissen, dass die Kreisliga in der dortigen Region die drittunterste Liga ist und die Kreisklasse die zweitunterste, unterfüttert nur noch von der zur A-Klasse schöngelogenen, in der vox populi nur Hammelklasse genannten Hammelklasse. »Ja Scheiße«, denken sich viele der für den Abstieg verantwortlichen Spieler, »in der Kreisklasse«, also der zweituntersten Klasse, »da mag ich nicht spielen – da bin ich ja viel zu gut dafür!«; sogar sehr viele von ihnen denken das und verlassen bis auf lumpige zwei Stammspieler samt und sonders den Verein, hin zu einem anderen, der zwar ebenfalls, und ohne dafür absteigen zu müssen, in der zweituntersten Spielklasse herumwest, aber im Gegensatz zum Absteiger seinen Akteuren für ihr fußballerisches Engagement Geld zahlt. Für ihr Engagement beim Aufstieg in die drittunterste Spielklasse, natürlich.

Connaisseusen und Connaisseuren übrigens ist klar, dass die Spieler wegen ihres Verhaltens mit Fug als Pleitegeier zu titulieren sind. Zumindest im ursprünglichen Wortsinne. Im Jiddischen, dem das Wort Pleite entstammt, bezeichnet die plejte die ›rettende Flucht (vor der Schuldhaft durch Gläubiger)‹, der plejtegeier bezeichnet im Jiddischen mithin den, der die rettende Flucht antritt oder –trat. Sage noch einmal jemand, es sei ein Schmarrn und Zeitverschwendung und zu nix gut, Fächer wie Jiddische Sprache, Kultur und Literatur zu studieren, womit ein Freund von mir gegenwärtig seine Biographie erledigt. (Bei Letzterem handelt es sich um ein Zitat von Max Goldt, um hier schriftstellerisch tadellos zu agieren.)

Hauptsponsor des Vereins, zu dem die alle abwanderten und hinwechselten, richtiggehend fahnenflüchteten, ist ein lokales Maschinenbauunternehmen, das freilich für den Weltmarkt produziert, und zwar ungetümhaft große Eisentanks und jeglichen Stahlbau, nach dem eines Herzen zu begehren vermag. Auf die »Internetseite« genannte Website gesurft, verrät uns die letzte News, die, notabene in den 1960er Jahren gegründete Firma habe im Jahre 2008 die Produktion in den neuen Montagehallen aufgenommen. Was mit den alten Hallen geschah, steht nirgends. Das Alter dieser latest news entspricht präzise dem historischen Charme, der dieser Website eignet. In der 2008 neu gewesenen Lackierkabine, so schneidet die News großtuerisch auf, könne man bis zu 17 Meter lange »Komponenten« genannte Bauteile lackieren und trocknen. Wie breit und hoch diese Komponenten sein dürfen, unterschlägt die News indessen. Wenn jedoch die Komponenten zwar 17 Meter lang, aber nur so dünne Stäbchen sein dürfen, wäre kaum jemandem geholfen. Lassen wir uns nicht beirren von dieser Unklarheit und nehmen wir an: Auch der Balken und die Pfosten eines Fußballtores ließen sich darin locker optisch veredeln, wie es aus Branchenmündern zu quellen pflegt. Schließlich umspannt etwa der Querbalken kaum siebeneinhalb Meter und täte in die Angeberanlage leicht zweimal hineinpassen. Die Balken und Pfosten könnten dann in den Firmenfarben Hellrot, Dunkelrot, Schwarz, Dunkelgrau, Hellgrau und Smaragd funkeln, und, wenn wir schon einmal angefangen haben mit dem corporate designen, warum nicht auch gleich den Namen der Firma draufschreiben beziehungsweise drauflackieren, ach was: draufedeln.

Denn die Präsentation des eigenen Firmennamens auf riesigen Bannern und Spielfeldbanden auf den Sportvereinsanlagen, auf den Trikots und irgendwelchen Vereinsdruckerzeugnissen ist der Zweck der finanziellen Unterstützung des Vereins, der sich im übrigen recht rührig um die von ihm verwendeten und vernutzten Spieler kümmert. Es fragt sich freilich: Wozu das alles? Wie viele Zuschauer*innen dachten bislang: »Ah, gut, dass da eine Stahlbaufirma auf ihre Künste aufmerksam macht, mir ist ja grad heut Vormittag mein Eisentank kaputtgegangen«, und schon fleddert beim Stahlbauer das Auftragsbuch aus, weil er gar nicht mehr hinterherkommt mit dem Umblättern und Hineinschreiben. – Stellen wir uns nicht naiver als nötig: Fraglos ist es dem Firmenchef hauptsächlich um Lokalprestige zu tun, markiert er doch den örtlichen, wo nicht den regionalen Oberjohn, wenn er es ist, mit dessen Name der Fußballclub sich beschriftet, das heißt präsentiert, i wo: schmückt. Da schauen die Maschinen- und sonstwas -Bauer der Industriegebiete vor den umliegenden Dörfern aber ganz schön dumm aus ihren klebrig-schwitzig-stinkenden Fertigblechbaufestungen. Schließlich kannst du den Hauptsponsor des Vereins durchaus als sowas wie den Vereinseigentümer betrachten. Wo kommen wir hin, wenn irgendetwas nicht irgendwem gehört, sondern diffus bloß einer kaum greiflichen Gemeinschaft? Ja, richtig, direktemang in den Sozialismus. Nein, nein, es lässt uns schon besser schlafen und ist am Ende auch gesünder, wenn wir den Besitz eines solchen Vereins immerhin ideell jemandem zuschreiben können. Und der hohe Herr wird sich gütig um alles und alle kümmern und auch mal ein Schweinernes und ein Freibier zur Verfügung stellen. Und der Konkurrenzeisenbieger kann zwanzig mal mit der Kundschaft in die Apalachen zum Helikopterskifahren fliegen – Fußballvereine sind da schon nochmal rarer.

Jetzt zurück zur Abstiegsmannschaft: Lumpige zwei Stammspieler aus der drittuntersten Klasse blieben wie gesagt in der zweituntersten erhalten, der restliche Kader wurde aus Material der vormaligen Reserve rekrutiert, neu hinzu kam niemand. Die Bilanz der Folgesaison: lauter Niederlagen, kein einziges gewonnenes Spiel, nur ein einziges Unentschieden – an diesem Spieltag reichte man die angestammte Plakette »Lachnummer der Liga« an den mit einem Remis vernichtet zurückgelassenen Nachbardorfverein weiter und feierte in dessen teils hellbraun gefliestem, teils dunkelbraun holzvertäfeltem Sportheim, als wäre der Super Bowl gewonnen worden. Am darauffolgenden Tag, ein Montag, fuhren frühs alle wieder zu ihren Arbeitsstellen und der ein oder andere erzählte in der Pause teils freudig, dass man vortags ein Unentschieden geschafft habe. Die Lackieranlage des Stahlbauers produzierte sturheil und ungerührt weiter für den Weltmarkt.


Text vorgetragen am 19.07.2019 im Rahmen der Live-Aufzeichung einer Folge von »Eisenbart & Meisendraht«; Videomitschnitt folgt


 

Die Ältere deutsche Literaturwissenschaft und das Genitiv-s

Richtiggehend narrisch macht mich die Idiosynkrasie der Älteren deutschen Literaturwissenschaft, das Genitiv-s von Eigennamen an den Personennamen zu hängen statt hinten an den Ortsnamen. Also etwa »der Minneschmarrn Heinrichs von Veldeke« statt – wie normale Menschen sagen würden: »der Minneschmarrn Heinrich von Veldekes«. Komme mir niemand mit einer vermeintlich sachlichen Begründung über eine angebliche Notwendigkeit dieser letztlich doch nur exklusivitätsheischenden Marotte: Denn das machen die nur und ausschließlich, um sich vor Erstsemestern und sonstigen Mittelhochdeutsch-Laien aufmandeln zu können, wenn diese es »falsch« sagen.

Zart versöhnelnd stimmt mich die Vorstellung, eine Mediävistin (m mitgemeint) schriebe etwas über den ihr ressortfremden Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und ihr unterliefe dabei ein »fauxpax« (sic; gelesen in einer Mediävistik-Dissertation) wie »das Gedicht Hugos von Hofmannsthal«. Tbh würde ich, läse ich das Korrektur, dann versuchen es durch sämtliche Korrekturen bis zum Druck durchzudrücken, hähä.

Slightly off-topic: Narrisch macht mich außerdem, dass man »Hofmannsthal« mit scharfem f vorne mit kurzem statt langem Vokal ausspricht. Warum, liebe Familie Hof»f«mannsthal und alle, die es euch nachtun, wisst ihr nicht mal, wie man euren Nachnamen richtig ausspricht?