tagesschau-Material für den Deutschunterricht

Bei dieser Überschrift ist die rhetorische Figur der Hypallage – auch genannt Enallage – in doch unerwarteter Umgebung zu beobachten. Zur Auffrischung der Erinnerung: Im Gegensatz zum Hyperbaton, bei dem komplette Satzglieder (teilweise) vogelwild astandardisch versprengt sind, versetzt der Dichter bei der Hypallage ein (meist) Attribut so, dass es beim falschen oder ›falschen‹ Bezugswort zuliegen kommt.
Allerdings: Lassen wir beispielsweise Goethe ein schludriges oder selbsttrunken-euphorisches, womöglich sogar ernsthaft-absichtlich krauses »Faßt bald des Knaben / Lockige Unschuld« (Das Göttliche, 1785) gerade so durchgehen, weil er halt der größten Deutschen Dichter der Deutschen größter Dichter ist, so fassen wir uns bei der größten Deutschen Nachrichtensendung doch ans Hirnkastl und fragen uns, ob es nicht doch sinnvoller, um nicht zu sagen sinnhafter, ja geh weiter: sinnenreich wäre, von für VW-Kunden folgenreichen Urteilen zu schlagzeilen. Aber »ach!« (Goethe, passim)

Bierbaum/Brinkmann

»Wie kann einer Bierbaum heißen und Dichter sein wollen!« Stefan George um die vorletzte Jahrhundertwende über den Münchner Schriftsteller Otto Julius Bierbaum. Looking at you,  R o l f  D i e t e r  B r i n k m a n n !

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(Bierbaum hatte eine abfällige Persiflage auf George verfasst, was diesem, in seiner weihrauchumflorten Dignität angerührt, Groll verursachte.)

Battle

Hallo Freunde, ich habe beschlossen, Battle-Schriftsteller zu werden. Die erste Punchline wartet auf ihre Gegnerin:

Wo viele andere nur lallen /
Stell’ ich Schrift wie Jäger Fallen / YÖAH //

Komikkritik: Gedichtetag auf der taz-Wahrheit

Der wöchentlich wiederkehrende Ankündigungstext der Gedichte-Rubrik der taz-Wahrheit lautet: »Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit. Die Leserschaft darf sich an einem Poem über … erfreuen.« Aber was soll das?, nur weil Gedichte mancherorts den Ruf der angestaubten Form haben mögen – im Deutschunterricht werde man dahingehend eh bloß mit über hundert Jahre altem Zeug gequält, wen interessiere dieses Schnarchzeug –, braucht man doch nicht so altertümelnd daherzuschreiben. Warum nicht gleich: »Die Recipienten dürffen sih an Poeterey über … erfrewen«?
Über die veröffentlichten Gedichte nichts.

Liedinterpretation »MfG«

Idee für eine Lied-Interpretation: »MfG« von den Fantastischen Vier, aber statt der ganzen verschiedenen Abkürzungen immer nur »tbh«.
Grund: Diese wichtigste – und noch wichtiger: schönste Abbreviatur aller Zeiten und Sprachen haben die vier Stuttgarter TBHurensöhne einfach weggelassen!

Hier schon mal die Lyrics zum Lernen:

tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh – ihr könnt mich mal
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh, tbhh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh – ojemine
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh – is’ nich’ OK

tbh mit freundlichen Grüßen, die Welt liegt uns zu Füßen
Denn wir stehen h, wir gehen h, für ein Leben voller h und h
Bevor wir fallen, fallen wir lieber h

tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh, hahaha
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh – tatütata
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh, olé, olé
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh, tbh und tbh
tbh in tbh is’was ich dreh’

tbh mit freundlichen [etc.]

Martin Suter, Romanautor und »Dichter«

Wer einmal – pardon my french – wirklich ~beschissene~ Lyrik lesen will, besuche den Twitter-Account des Schweizer Schriftstellers Martin Suter.

Nach ein wenig Durchgescrolle frage ich mich ernsthaft, ob Suter seine ›Gedichte‹ ernsthaft twittert, oder ob ich einen (oder mehrere?) Ironielayer nicht gette:

»Die US Präsidentenwahl
Hat der Welt den Nerv getötet.
Sogar der Mond ist vom Skandal
Deutlich sichtbar leicht errötet.«

Gemeint ist in diesem am 21. Januar 2019 veröffentlichten Gedicht der an diesem Datum aufgrund einer totalen Sonnenfinsternis rot erscheinende, sogenannte »Blutmond«. Dass der Mond mit dem Erröten fast genau zwei Jahre zu spät dran ist – Trump wurde am 20.01.2017 inauguriert – und dass sich seit Trumps Amtseinführung vier weitere Mondfinsternisse ergeben haben (eine davon nicht sichtbar), ja mei, was soll’s, wenn’s uns halt grad so ein schönes Gedichtlein zum Twittern hergibt.

Zumal Suter ja jeden Mondschmarrn, noch so einen, der monatlich auftritt wie etwa ein fast (!) voller Mond, verarbeitet:

»Eine stille Winternacht,
Die Welt wie unbewohnt.
Und über diese Stille wacht
Ein fast voller Mond.«
(20. Januar 2019)

Gehen wir davon aus, dass er es ihm ernst ist mit seinen ›Gedichten‹: Dann handelt sich nicht nur um Banalitäten ersten Ranges, die nur aufgrund der Reimwörter aneinandergeleimt werden können, sondern, was noch vorher wehtut, um Gedichte, die mindestens in jedem dritten Vers derart holpern, wie man es allerhöchstens Onkel Erwin bei Gelegenheitsgedichten zum Geburtstag o.ä. nachsehen würde; zumindest, wenn man schon vier Bier getrunken hat.

»Ich bin auf einem weissen Berg.
So hoch liegt überall der Schnee,
Dass ich gar nicht darüber seh.
Bin wieder wie als Kind ein Zwerg.«
(19. Januar 2019)

Martin Suter, hoch oben aufm Berg, noch höher nur der Schnee, der ihn ringsum überragt, so dass er nicht mehr »darüber« sieht (der dritte Vers passt nicht, Q.E.D.). Wahrscheinlich hat ihm jemand eine Schneise durch die Schneemassen geschaufelt, durch die er jetzt durchlatscht. Weil wenn der Herr Dichter auf dem meterhoch eingeschneiten Berg umherwandeln will, soll er das natürlich tun können müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn er, wie jeder andere Mensch auch, einfach vernünftigerweise im Tal bleiben müsste. Was, wenn ihm eine Winterwanderung wie diejenige Goethes auf den Brocken im Harz verwehrt bliebe, aus der immerhin dessen »Harzreise im Winter« hervorging, die seinen Dichterruhm ja nunmal endgültig besiegelte? Nein, das kann niemand wollen, und deswegen schicken wir die Schneekatze hoch, metertiefe Schneisen zu pflügen. Und dass Suter sich darin dann fühlt nicht wie ein Halbgott, sondern wieder zwergenhaft wie ein Kind (richtig: Kleinkind), damit muss er entweder selber klarkommen, oder er dreht selbst das noch ins Poetische rüber.

Anderntweets macht er sich manchmal Sorgen:

»Wenn wir uns bereits am Morgen
Schon auf den Abend freuen,
Mache ich mir manchmal Sorgen,
Dass wir es einst bereuen.

Denn viel länger wirkt das Leben,
Wenn wir von dem dazwischen,
Uns ein wenig Mühe geben,
Auch etwas zu erwischen.«
(16. Januar 2019)

Von der unerträglich stümperhaften Form abgesehen: Da macht er sich also manchmal, während er sich am Morgen so richtig schön auf den Abend freut, Sorgen, eben dies irgendwann mal zu bereuen. Freilich macht er sich dabei nicht immer Sorgen, oder hört gar einfach auf, sich am Morgen auf den Abend zu freuen. Denn so tief scheint die ›Erkenntnis‹, dass das Leben »viel länger wirkt« (?!), wenn er sich den ganzen Tag über, von morgens bis abends, nur »ein wenig Mühe« gibt, »etwas« davon »zu erwischen«, nicht zu rühren, dass es ihn beim Sich-Sorgen-Machen immer aus der Sorgenbahn trägt oder er es halt gleich ganz bleiben lässt und stattdessen versucht, was vom Leben – das sich verhuschelt-wuzelig zu entziehen scheint wie ein Eichhörnchen – zu erwischen.
Und worauf freut er sich eigentlich, unser Herr Dichter? Auf den Flug der Minerva etwa, die diesen bekanntlich erst abends startet? Ohne die Antwort apodiktisch vorwegnehmen zu wollen, stelle ich sachte zur Diskussion: Wohl kaum.

Viellipp der Multimünder

Viellipp der Multimünder
Stopft sich euch
In seine Schlünder

Aber

Gleich unzerkauten Felsen
Spreizt ihr euch
In seinen Hälsen

Doch

Trotz Bissen und trotz Schlägen
Schlingt er euch
In seine Mägen

Nach

Verdauung noch und nöcher
Scheißt er euch
Durch seine Löcher

Kleine Mülltonne (2)

Kleine Mülltonne
Du stehst ja immer noch da
Obwohl heute ein Werktag ist
Eben fuhr sogar ein Polizeiwagen
Einfach an dir vorbei
Achtlos
Und stand dann sogar an der Ampel herum

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Bald bedeckt dich der Schnee vollständig
Und hüllt dich wohlig ein
5 cm sollen’s werden heute
Außen weißer Schnee und innen weißes Bindemittel
Getrennt nur durch eine dünne Schicht schwarzes Plastik
Aber keine Sorge
Morgen taut alles wieder weg
Hat es geheißen

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Wie magst du denn heißen
Tönnlein
Tönnchen
Oder doch
Ganz adriatisch:
Tonnino

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Wo sind deine Eltern
Hinten im Hof
Bestimmt
Oder

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Was darf man in dich reinschmeißen
Bloß Celebrations-Papierl
Oder
Und Milch-Brocken-Papierl
Und Haribo mini
Und noch so Konfekt-Einwickelpapier wo sich nur Reiche leisten können
Wahrscheinlich

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Wem gehörst du denn
Bist du einem Mäderl geschenkt worden
Zur Puppenküche aus Plastik dazu
Und zum Spielzeug-Staubsauger
Und zu den anderen Sachen
Damit du auch seine greisligen Bilder aufnimmst zum Beispiel
Und sinnlos abgeschnittene Papierfetzen auch

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt

Kleine Mülltonne
Bist du gar nicht
Wonach du ausschaust
Sondern
Ein Bindemittelgefäß (!)
Aber warum
Schaust du dann aus wie eine Mülltonne wo noch ganz jung ist erst
Und wie fühlst du dich
Dass du trotz Bindemittelinhalt
Ausschaust
Wie
Eine
Mülltonne

Kleine Mülltonne
Wer hat dich da hingestellt
Wer hat dich dort ausgesetzt
Hoffentlich kommst du
In bestimmungsgemäße Obhut

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(Ich hab jetzt nicht reingeschaut, hoffe aber, da ist nix drin, was in den nächsten Tagen dann in allen Zeitungen steht.)

Schluss machen

Wenn Dir ’s Leben nur zur Last fällt,
Und Dir nichts schafft außer Leiden,
Dann geh doch, um schnell zu scheiden,
Rasch zur Universe-Kopierwelt*.

Universe-Kopierwelt_Schluss-machen

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(* Man kann’s sehen, wenn man ganz nah hingeht.)

Selbstauferlegung

«Mit Zitaten vom Kaliber ‹Goethe an Eckermann, 4.7.1827› oder ‹Benn an Oelze, 1.6.1952› werde ich wohl noch warten, bis ich die Vierzig überschritten habe; davor nimmt einen doch niemand für voll.» (Goethe an Benn, Quatsch: Lugauer an Internet, 10.11.2018)

Der Neue Mensch

Hymnus ad majorem gloriam hominis novi

Er ist da! Der Neue Mensch, wie ihn ein jedes Zeitalter als Strebensziel der Niederen
Zwischen den Schenkeln hervorpreßt, ist da:
Der regionalbahnfahrende Klappradpendler in flammender Funktionskleidung!
In heroischer Selbstnegation steht er
Neben seinem (kurz vor der Fahrscheinkontrolle)
Eingeschlagenen und
Ineinandergeschobenen
Vehikel aus zusammengeflanschten, neonfarben lackierten Stahlrohren,
Hybrid blickt er durch seine
In zartem, nur drähtchendickem, schwach mattschimmerndem Metall Weiterlesen

An M. F.

Wenn ich, wie Du, mich nie dem Liken menge
Und stillen Monitorings Segen suche, –
Ich werde nie mich neigen vor der Strenge
Der fremden Prüfer in dem blauen Buche.

Sie sitzen ewigscrollend vor den Röhren
Und harren deiner lang ersehnten Kunde,
Sie kürzen sich die Zeit schon mit Likören –
E i n  Post von Dir wär’ ihnen Sternenstunde.

Doch, wenn Du, Dunkler, den schon Desparaten
Die Timeline zierst, dann jubeln sie verschieden;
Dich liken manche dann, den Renegaten
(Und können ein Zurücklike kaum erwarten),
Die meisten aber nicken nur zufrieden.

(Andreas Maria Lugauer, nach einer Vorlage von Rainer Maria Rilke)

 

Hym(n)en

Vor langer Zeit hatte ich an der Uni ein Referat über die Hymnen Goethes zu halten (‹Prometheus› etc.).
Als kleinen Witz hätte ich dabei gerne «Goethes Hymen» als Überschrift aufs Handout gedruckt (Hymen ist griechisch für Jungfernhäutchen). Aber das traute ich mich dann nicht; auch wenn Goethe hinsichtlich Hymen bzw. Defloration kein unbeschriebenes Blatt gewesen sein dürfte und es insofern sogar eine gewisse Berechtigung gehabt hätte, zumal das Seminar sich ausschließlich mit dem Werk des jungen Goethe beschäftigte. Bis heute ärgere ich mich darüber, diesen Witz ausgelassen zu haben.
Nicht schlecht staunte ich nun, wie der Lyriker Stefan George dieses Problem 1922 bei seinem Gedichtband ‹Hymnen – Pilgerfahrten – Algabal› gelöst hatte. Der alte Hammel.