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Idee zur Neuauflage eines philosophischen Klassikers: »Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Was wir wissen können – und was nicht. Mit einem Anhang aus Texten, Podcasts und Videos zu Fakten, Daten und Hintergründen«

»WiR hAbeN fEhLeR gEmAChT«

Screenshot aus: Zentrum für politische Schöhnheit (https://politicalbeauty.de/)

»WiR hAbeN fEhLeR gEmAChT – z.B. den, dass es uns, den hUmANisTeN vom Zentrum für politische Schönheit [?], nie um irgend eine Sache, sondern stets um uns, die hUmANisTeN vom Zentrum für politische Schönheit, ging.«

Dass sie sich für dieses StartUp-uns-ist-alles-wurscht-Hauptsache-fancy-Balken-Layout nicht schämen oder immerhin zu blöd sind, ich begreife es nicht. Sie behaupten doch immer, sie seien kÜnStLEr, weisen sich aber schon textgestalterisch als bloße neoliberal narcissists aus. (Okay, das ist eigentlich kein Widerspruch lol)

Warum es problematisch ist, sich selbst positiv als etwas (wie als »Humanist«) zu setzen: »Ich gebrauche hier den Ausdruck Humanität ungern, denn er gehört zu den Ausdrücken, die die wichtigsten Sachen, auf die es ankäme, dadurch schon, daß sie ausgesprochen werden, dingfest machen und verfälschen. Ich habe den Begründern der Humanistischen Union, als sie mich aufgefordert haben, einzutreten, gesagt: ›Ich würde, wenn ihr Club eine inhumane Union hieße, vielleicht bereit sein, einzutreten, aber in eine, die sich selbst humanistisch nennt, könnte ich nicht eintreten.‹ […] Soweit es auf der subjektiven Seite heute überhaupt so etwas wie eine Schwelle, wie eine Unterscheidung zwischen dem richtigen und dem falschen Leben gibt, ist sie wohl am ehesten darin zu suchen, ob man blind nach außen schlägt – und sich selber und die Gruppe, zu der man gehört, als Positives setzt und das, was anders ist, negiert –, oder ob man statt dessen in der Reflexion auf die eigene Bedingtheit lernt, auch dem sein Recht zu geben, was anders ist, und zu fühlen, daß das wahre Unrecht eigentlich immer genau an der Stelle sitzt, an der man sich selber blind ins Rechte und andere ins Unrechte setzt.« (Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie (1963), hrsg. von Thomas Schröder, in: Theodor W. Adorno: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 10, hrsg. vom Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a.M. 1996, S. 250 f.)

Der absichtlich lustige Philosophieprofessor

Philosophie-Professor E. hält vor einigen Jahren eine Vorlesungsreihe zum Thema Erkenntnistheorie. In einer Sitzung geht es u.a. um optische Täuschungen. An die Schiefertafel malt er dazu die bekannte visuelle Illusion mit den zwei gleichlangen Strecken, deren eine an den beiden Enden nach außen zeigende Pfeilspitzen hat und deren andere nach innen zeigende Pfeilspitzen, was bewirkt, dass die eigentlich gleichlangen Strecken unterschiedlich lang aussehen.

»Können Sie mir sagen, was hier das Problem ist?«, fragt er die Zuhörerinnen (w*m). »Jò die Striche schaun unterschiedlich lang aus, sin awwa gleichlang!«, jodelt ein Kerl vergnügt und siegesgewiss nach vorn, ohne sein Aufgerufenwerden abzuwarten.

»Nein, die sind schon unterschiedlich lang – das hab’ ich extra gemacht, um den Witz zu machen  «, freut Professor E. sich diebisch zurück.

Allgemeine Heiterkeit, auch beim Falschantworter. Dann weiter nach Skript.

[extrem X-Factor voice: »Was glauben Sie: Hat sich diese Geschichte wirklich so zugetragen – oder ist sie… … von uns frei erfunden worden?« extrem Jonathan Frakes suspicios look]

Der Junggeselle und die Sprachphilosophie

In der Sprachphilosophie wie in der Semantik taucht als Beispiel für Bedeutung häufig das Beispiel »Junggeselle« auf, dessen Bedeutung dann mit »erwachsener unverheirateter Mann« angegeben wird.

Weil in diesen (wie überhaupt allen wissenschaftlichen) Disziplinen per erhobenem Zeigefinger großer Wert auf Präzision gelegt wird, sei hier präzisiert: »Junggeselle« heißt »erwachsener, noch nicht verheirateter Mann«. Denn »unverheiratet« schlösse ja auch Geschiedene und Witwer ein, und die würde man wohl kaum als Junggesellen bezeichnen.

Man stelle sich diesen Sprachgebrauch mal vor: »Do hintn am Stammtisch, der Schorsch, dem is sei Frau weggstorm, mit 89 Joah. Sakrament, des hätt a koana glaubt, dass da Schorsch mit 90 nomoi Junggsell werd! A so wia der seit zehn Joah sei Raucherlung raushuast. Ja vareck, Kaffäähaus, er is scho a zäher Hund, des sog i da! – Heiratn mog a aber nimmer, aber so schee wia mit 20 is as Junggsellndasein a nimmer, sogd a. I hob na ned gfragt, weil des duad ma ja ned, aber mid da Potenz werd’s wahrscheinlich nimmer goa so guad ausschaun, ’ha’ha! Und Altersinkontinenz is für de wenigsten a schoafmochnds Substitut. – Da Schorsch wieder a Junggsell, zefix! Du, do wenn unsere junga Burschn am Sonntag in da Friah um 6e von da Stanz hoam keman, is er scho wieder zwoa Stund wach und schaut Fernseh, weil a nimmer schloffa konn seit 4e.« Nein, nein, hier wäre der Ausdruck »Junggeselle« crass fehl am Platz.

So, jetzt wisst ihr’s!

Kritik am Symposium »Ästhetik nach Adorno«, eine Replik

Na freilich kannst du auf dem Symposium »Ästhetik nach Adorno« (21.–23.6.2019, Berlin, Link zur Website) ein Flugblatt namens »Unter der Ästhetik liegt die Erfahrung – Zum Symposium ›Ästhetik nach Adorno‹« (Link zum PDF) auslegen, in dem du Kritik an der Veranstaltung kundtust. Wenn du deine – stellenweise noch so triftigen – kritischen Äußerungen allerdings zwischen Zitate von Adorno und Benjamin oben sowie deinem nicht angegebenen Namen unten presst und das Flugblatt in unbeobachteten Momenten verhuscht auf die Sitze legst – dann sinkt das samt und sonders von Kritik herab zur blind vorgetragenen Religion, zum apostolischen Eifer. Dann bist du letztlich nichts anderes als etwa die Zeugen Jehovas, die in den Fußgängerzonen dieser Welt mit ihren Aufstellern zum ›Gespräch‹ einladen, worin sie dir dann die alleinige Wahrheit des Überirdischen verkünden werden. Mit dem Unterschied, dass Zeugen Jehovas immer noch persönlich auftreten und ihre Wahrheiten nicht bloß anonym irgendwo hinlegen.

Es mag einer gewissen Empathie geschuldet sein, dass du dich um die

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Walter Benjamin’sche Hemmung

Nachts auf dem Nachhauseweg lag – ein selten Ding! – eine leere, tailliert eingedrückte Getränkedose auf dem Trottoir (Fanta normal). Ich hab sie leider nicht lässig weggekickt. Denn eine Hemmung hatte mich befallen wie Bart Simpson an der Zwille, als er graue Schuluniform tragen musste.

Die Hemmung wehte vom Paradiese her, die sich in meinen Flügeln verfangen hatte und so stark war, dass ich sie nicht mehr schließen konnte. Diese Hemmung trieb mich unaufhaltsam in die Zukunft, der ich den Rücken kehrte, während der Getränkedosenhaufen vor mir zum Himmel wuchs. Das, was wir den Fortschritt nennen, war diese Hemmung.

Kritische Neckereien

Was antwortete Max Horkheimer, wenn man ihn mit »Mach’s gut!« verabschiedete? »Mach’s Horkheimer!«

Adorno, freilich vom Frankfurter-Schulrektor nicht sich unterbuttern lassend und nie um eine zusätzliche dialektische Wendung verlegen, pflegte daraufhin jovial feixend zu antworten: »Gut, Horkheimer, Paulaner!«

»Ein Sauhund, der Teddy!«, dachte Horkheimer in den Entstehungstagen der Dialektik der Aufklärung danach oft, »da juble ich jetzt, wenn er nicht herschaut, einen Widerspruch in die Dialektik der Aufklärung rein, den nicht einmal er bemerkt bzw. kapiert respektive eventuell noch zur bestimmten Negation emporretten kann hehe.«

Ob’s ihm gelungen ist, das bleibt sein Geheimnis, ebenso wie ob’s ihm Adorno nicht womöglich wissentlich hatte durchgehen lassen.

Radio Marx

Übrigens: Ich übernehme den Nürnberger Lokalradiosender afk max und benenne ihn um zu afk MARX.

Programm sieht dann so aus, dass einfach pausenlos aus den Marx-Engels-Werken vorgelesen wird, nämlich chronologisch MEW-Bd. 1, 2 …, 44 und wieder von vorne. Und zwar mit Verve!

Zwischendurch, wie es sich für einen Radiosender gehört, Nachrichten, z.B. «Ist der Sozialismus schon verwirklicht? Der Blick ausm Fenster sagt: Nein», «Löst sich der Staat schon selbst auf? Auch nein», Börsenkurse, Rohstoffpreise (Tee, Weizen, Leinwand etc.) + tagesaktuelle Zustandsbeschreibung des revolutionären Subjekts.

Vorstellbar wären auch Zuschauerquizze mit unterschiedlich schwierigen Fragen wie «Bestimmt das Bewusstsein das Sein oder das Sein das Bewusstsein?», «Was steht in MEW 14 auf S. 59 in Z. 32–35?», «Wie viel wog Karl Marx’ Kopfbehaarung?»

Sonntags um 12 Uhr dann für eine Stunde Musik. Playlist:
– Madonna: «Materialistic Girl»
– Metallica: «Welcome Home (Proletarian)»
– Notorious B.I.G.W.F. Hegel: «Phenamanahlogy of Spirit»
– Faith No More in Chains
– Alice (Still) in Chains
– Freestyle Agitrap von Dialektikal
– ansonsten Historic-Materialistic Metal, Progressive Produktivkraft Metal

So könnt’s klappen mit der Agitation der Massen!

Philosophische Ferngespräche

Das Telephon lehnte Immanuel Kant zeitlebens ab, er verwendete ausschließlich das Deontophon. Zwar konnte er mit kaum jemandem deontophonieren, weil dieser Apparat im Gegensatz zum Telephon keine große Verbreitung fand. Aber immerhin hatte er damit eine Standleitung zur Metaphysik der Sitten. (Wozu auch immer.)

Adorno-Allotria

Adornos agrarisches Lieblingswerkzeug war übrigens die Sichel. Oder, wie er sie gern hispanisierte: el sich.

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«Geliebt wirst du einzig, wo du Stärkekartoffeln produzieren darfst, ohne schwach dich zeigen zu müssen.» (Bauernweisheit)

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Hätte Adorno bis in die Nullerjahre gelebt – was hätte er wohl von der Popband «Sich und Sich» gehalten?

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Neuigkeiten aus der Welt der Stars und Sternchen

Der ‹Philosoph› Plutarch ist seit längerem schon kein vollwertiger Philosoph mehr. 2006 wurde er von Befugten zum Zwergphilosophen herabgestuft.

Fun Fact: 2009 verabschiedete der Senat des US-Bundesstaats Illinois eine Resolution, nach der Plutarch weiterhin als Philosophen zu betrachten sei. «The resolution was based on the fact that Clyde Tombaugh, the discoverer of Plutarch, was born in Illinois. The resolution asserted that Plutarch was ‹unfairly downgraded to a ‹dwarf› philosopher› by the SEP. Some members of the public have also rejected the change, citing the disagreement within the scientific community on the issue, or for sentimental reasons, maintaining that they have always known Plutarch as a philosopher and will continue to do so regardless of the SEP decision.
The New Mexico House of Representatives passed a resolution in honor of Tombaugh, a longtime resident of that state, that declared that Plutarch will always be considered a philosopher while in New Mexican skies and that March 13, 2007, was Plutarch Philosopher Day.»

Lieblingsideologie

«-ismen» per se als Ideologien abzukanzeln, «-logien» und «-iken» wie Biologie und Physik hingegen als objektive Werke reiner Vernunft aufzufassen und sich selbst – hottest take! – mit dieser Meinung als komplett ideologiefrei zu begreifen, das ist, weil in fast allen Köpfen zu finden, meine momentane Lieblingsideologie.

Anlehnung

Hat eigentlich Chuck D (Public Enemy) seinen Künstlernamen in Anlehnung an Jacques Derrida gewählt?

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(So wie sich Thea Dorn ja auch nach THEodor w. ADORNo benannt hat *eyeroll* Hier die komplett idiotische Begründung aus dem SPIEGEL SPECIAL-Artikel «Mord auf dem Campus. Kesses [!] Debüt einer examinierten Philosophin» (10/1995): «Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken.» h/t Matthias Warkus)

Bewunderung und Ehrfurcht

«Drei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir, das moralische Gesetz in mir und dass Twitter angesichts der Myriaden an Tweets, Retweets, Replys, Retweet-Retweets, Retweet-Reply-Retweet-Replys usf. nicht alle 5 Minuten abraucht.» (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft)

Die Idee des Sozialismus

Hermann Michels und Regina Göllner, c/o Suhrkamp Verlag!

Da gestaltet ihr den Umschlag von Axel Honneths 2015 erschienenem Buch «Die Idee des Sozialismus» (in notabene Orange) und macht auf dem Backcover was? Genau: In einem Satz die komplette «Idee» spoilern!

Verrät nicht, was er von euch hält: Salon du Fromage

 

 

Programmhinweis für morgen, Sonntag, den 23.09.2018

Leute, ich bin im Radio, und zwar «morng!» (Camillo Rota)

Um 16 Uhr läuft die entzückende Sendung Eisenbart & Meisendraht – Magazin für Eigenart des zauberhaften Camillo Rota und noch so eines Typens, den aber keiner kennt. Mein Text «Der Kokon des Philosophen» erfährt darin seine Weltpremiere. Eingelesen habe ich ihn selber. Die Luft vor euren Empfangsgeräten wird erotisch glimmern und eventuell sogar flirren, so dass ihr den Rest der Sendung vor lauter Angegeiltheit wahrscheinlich gar nicht mehr mitkriegen werdet. Aber das wäre nicht so tragisch, denn nach ein paar Tagen wird’s die Sendung bei den üblichen Anbietern als Podcast geben.

Also, kurbelt euch rein: morgen, Sonntag, 16 Uhr, Radio Z (Nürnberg 95,8 MHz oder Livestream auf www.radio-z.net)!

Dekadik

Ein Philosophieprofessor wollte in einer Seminarsitzung mal «Dekadik» sagen. Er vertat sich dabei aber und sagte statt dessen «Dedakik». Sogleich hinwiederum fiel ihm sein Missgeschick auf, er korrigierte sich instantan, um den Schaden zu reparieren, und quakte ein zwar genau so falsches, aber immerhin froschhaft-längliches «Dedaaaakik» heraus. Nachdem auch dieser Versuch als gescheitert zu betrachten und Aussicht auf «Dekadik» nicht zu erkennen war, ließ er es bleiben und verließ das Reich der Zahlen lieber wieder.
Die allgemeine Erheiterung über dieses erquickliche Gequake war – überhaupt nicht zu spüren! Denn nur ich, alle anderen waren zu sehr mit ihrer Vernunft am karteln und teilweise, man konnte das sehen, sogar ins Reich der nackten Kategorien, ins reine Denken hinübertranszendiert, empfand sie überhaupt. Es, d.i. die Philosophie, ist ein ernstes Geschäft.