Kennst du niederbayerische Diözesen?

Am stolzesten beim Aiwanger-Telefonterror in TITANIC 09/2021 bin ich übrigens hierüber: Im Gespräch mit Theo Waigel jubilierte ich auf seine Frage, in welcher Diözese denn Aiwangers Wohnort läge, nach etwa drei Sekunden Schockstarre »… das ist Freising bei uns« ins Telefon.

Bei dieser Frage dachte ich im ersten Moment, jetzt wäre es vorüber und Waigel »hätte« mich. Aber weil Aiwangers Wohnort meines Wissens irgendwo in der Nähe von Landshut liegt, versuchte ich es aufs Geratewohl mit dem nächstgelegenen Ort, der Zentrum einer Diözese sein k ö n n t e . Und traf ins Schwarze, ha!

Wie ich nachträglich nachgeschlagen habe, stimmt Freising zwar gar nicht – Aiwanger gehört zur Diözese Regensburg –, aber auf bayerische Diözesen musst du erstmal kommen, selbst wenn du in der Diözese Regensburg aufgewachsen bist und bis 16 Ministrant warst.

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« (Dominik Graf)

[zuerst erschienen in konkret 8/21]

Auf ihrem live gestreamten Spaziergang über eine Berliner Coronaleugner-Demo im vergangenen Sommer meint Fernsehmoderatorin Dunja Hayali mehrfach, Menschen »wirklich von ganz rechts bis ganz links« sehen zu müssen. Für »ganz links« hält sie demzufolge wohl rechte esoterische Hippies in Pluderhosen. Die autonome Antifa jedenfalls war nicht vor Ort. Wo sich Rechtsextreme tummeln, muss in diesem Land sofort auch vorm Linksextremismus gewarnt werden, denn der demokratiefundierenden Hufeisentheorie zufolge bedrohen beide »unsere Art zu leben«.

In die Kinos passt da gut die Verfilmung eines satirischen Kästner-Romans, mit der dieser »vor dem Abgrund warnen (wollte), dem sich Deutschland und damit Europa näherten«. Kästner mag die historische Erfahrung der Wirkungslosigkeit von Satire gefehlt haben, heutzutage braucht niemand mehr so naiv zu sein.

Außer dem »Tatort«- und »Polizeiruf 110«-Regisseur Dominik Graf, der den »Fabian« zwar nicht in die Gegenwart transponiert, ihn aber in dieser für noch die Blindesten gut sichtbar vertäut: Eingangs begleiten wir in einer Berliner U-Bahnstation der Jetztzeit zeitgenössisch schlecht gekleidete Personen über den Bahnsteig, durch den Tunnel und, ein Hakenkreuzplakat passierend, die Treppe hoch, und befinden uns oben im Jahre 1931, wo ein Weltkriegsversehrter dem am Geländer lehnenden Jakob Fabian sein Leid klagt. Mitten im Film laufen Figuren – ein bedeutungsschwangerer und mit acht Filmsekunden wenig subtil einmontierter Anachronismus – auch noch über Stolpersteine.

Niemand soll nachdenken müssen, ob Kästners Roman über die heutige Zeit noch etwas zu sagen hätte. Wenn Fabian, der sich überlegen dünkende bloße Beobachter der Verhältnisse, die Nazis hasst, für die kommunistische Agitation seines Freundes Stephan Labude aber nur Spötteleien und distanzierende Ironie übrighat, hängt die Leinwand voller Hufeisen, und die allermeisten können beruhigt sein.

*

Deutschlands Künstlerhoffnung unserer Mütter, unserer Väter, Hauptdarsteller Tom Schilling hat ein anderes Problem des Films zwar verstanden, wenn er im Interview radebrecht: »Es ist gerade bei Roman-Verfilmungen manchmal so’n bisschen tricky, weil es wirkt dann doch alles sehr geschrieben. Und manchmal ist es besonders, da knallt es so raus, wenn man so Drehbücher hat, wo dann manche Sätze original sind aus dem Kästner-Text und manche halt vom Drehbuchautor. Das hörst du immer, das ist ’n ganz anderer Sound und so. Und dass das irgendwie zusammenfindet, dass man da den richtigen Ton findet als Schauspieler, das ist total schwierig.«

Der Film offenbart aber, dass es Schilling (wie auch seinen Kolleg*innen) bei aller Einsicht dann doch zu schwierig war. Einerseits lassen die Drehbuchschreiber ihre Figuren häufig Original-Sätze aus dem Roman aufsagen, etwa solche Fabians über Berlin: »Hinsichtlich ihrer Bewohner ist diese riesige Stadt aus Stein längst ein Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.« Andererseits motiviert sich Labude, sich endlich zur gefürchteten Abgabe seiner Habilitationsschrift durchzuringen, als wäre er frisch gecoachter Marketinghanswurst im Coworking-Space: »Mit dir schaff’ ich das. Wir geben das gemeinsam ab. Jetzt!« Fabian: »Jaa!« Labude: »Jaaa!«

Aber wie soll ein zehnfacher Grimme-Preisträger wie Graf, der das Drehbuch mitverantwortet, sich Kästners Sprache auch anders annähern. »Fabian« krankt daran, dass Graf unbedingt eine emphatisch-literarische Literaturverfilmung sehr nah am Buch und doch »frei nach dem Roman« machen wollte – was seiner Ansicht nach zu bewerkstelligen ist, indem man der Vorlage allerhand Passagen wörtlich entnimmt und ansonsten drumherumzukästnern versucht. Wer sich diese Romanverfilmung ansieht, soll das Gefühl haben, das Buch gelesen zu haben. Doch am Ende klingt alles, wie deutscher Fernsehfilm nun mal klingt.

Die Off-Erzählstimmen, aufgeteilt in eine männliche und eine weibliche, sagen zumeist ebenfalls Originalsätze auf und erzählen uns entweder das, was zu zeigen man zu faul oder unfähig war, oder das, was wir ohnehin schon sehen. »Schaperstraße«, liest der Erzähler das Straßenschild mit der Aufschrift »Schaperstraße« vor und nagelt uns mit der »4« auch noch die gezeigte Hausnummer ins Hirn. Warum? Damit noch die Unkonzentriertesten (C. Lindner) sofort kapieren, dass Fabians Liebespartnerin Cornelia Battenberg im selben Haus ein Zimmer mietet wie er.

*

Überhaupt: die Frauen im Film. Ein Feuilletonist kann selbsttrunken formulieren, »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« sei »eine große, verzweifelte, zum Verzweifeln schöne Liebesgeschichte«, weil Graf die im Roman gar nicht derart präsente Liebesgeschichte zum zentralen Gegenstand aufbläht. Auch reibt er uns dick vor die Augen, wie sich Battenberg, die Rechtsreferendarin bei der Filmgesellschaft, dem Filmmogul Edwin Makart an den Hals und ins Bett wirft. Trägt sie im Film den Wunsch, Schauspielerin zu werden, schon mit ins Referendariat, ist es im Buch der lüsterne Makart, der ihr eine große Rolle anbietet.

Kästner lässt Battenberg das Geschlechterverhältnis diagnostizieren: »Wir sollen weinen, wenn ihr uns fortschickt. Und wir sollen selig sein, wenn ihr uns winkt. Ihr wollt den Warencharakter der Liebe, aber die Ware soll verliebt sein. Ihr zu allem berechtigt und zu nichts verpflichtet, wir zu allem verpflichtet und zu nichts berechtigt, so sieht euer Paradies aus.« Graf legt diese Worte Labude – als fast habilitierter Mann zum Urteilen freilich qualifizierter – in den Mund: »Was wir wollen, ist der Warencharakter der Liebe. Aber die Ware soll verliebt sein in uns.« Und die Selbstkritik ehrt ihn noch.

Keine der Frauenfiguren kommt im Film anders weg denn als verkommenes, verlottertes Weib – mit Ausnahme der guten Mutter Fabians. Für sie erfindet das Drehbuch wesentlich mehr Anteil und Funktion, die Marienhaft-Moralische vom Dresdner Umland soll die luziferischen Berlinerinnen kontrastieren. Wie reaktionär.

Schilling empfiehlt den Film unter anderem »allen, die ein Herz haben, oder so« und »allen, die gerne Filme gucken«. Jawoll, ihnen viel Vergnügen damit.

Empirische Medienwissenschaft

Diejenige Wissenschaft, die mich bei der Beschäftigung stets etwas dümmer gemacht hat, ist die (fast) ausschließlich empirisch arbeitende Medienwissenschaft. Nie habe ich da auch nur einen klugen Gedanken, oder gar einen Gedanken überhaupt gelesen. Immer nur Collagen aus Statistiken, Marktanteilen, Umfragen und Sendungs-, nein: Formatbeschreibungen.

Leute, die sich wissenschaftlich mit beispielsweise Talkshows oder anderem TV-Müll auseinandersetzen, sind immer exakt so dumm wie diese Formate selbst. Ihr größtes und logischerweise ungelöstes Problem ist, ob sie in ihren Aufsatz- und Buchkacken nun »Reality-TV«, »Reality TV« oder »reality tv« schreiben sollen.

Alles, was solche Medienwissenschaftler*innen können, ist, sich mit Schlüsselbändern drei USB-Sticks um den Hals hängen und in ihren PowerPoint-Präsentationen mit Abbildungen aus Hans Meisers »Notruf« die Folien nicht mit Maus oder Tastatur weiterschalten wie Normale, sondern mit einem Presenter zum Herumlatschen incl. Laserpointer, und freilich haben sie strebermäßig immer geladene Batterien drin, die sie, wenn leer, in den Boxen nach den Discounterkassen entsorgen.

Jemand hat ihnen mal erzählt, dass in den USA polizeiliche Verfolgungsjagden im Fernseh gezeigt werden, und davon haben sie auch mal was auf Videokassette gesehen. Tragen tun sie hässliche Sakkos oder Blazer und statt Frisuren haben sie einfach gestutzten Haarwuchs. Fressen tun sie zwischendurch Fertigsandwiches aus durchsichtigen keilförmigen Plastikschachteln vom Yorma’s am Bahnhof, die sie in der Früh nachm Aussteigen aus der S-Bahn mit Kopfhörern in den Ohren und zwei USB-Sticks um den Hals gekauft haben.

Ihre Schuhe sind bestenfalls so Lederschaluppen zum Reinschlüpfen oder widerliche Deichmannpflunzen mit viel zu langen Schnürsenkeln. In ihren Texten differenzieren sie erstmal bzw. systematisieren und dann sagen sie, das gehört dazu und das gehört dazu, und ein Fazit braucht’s gar nicht, denn es ist ja schon alles aufgeschrieben.

Statt dass sie Wahlwerbespots als das bezeichnen, was sie sind – höchst alberner und leerer Lug und Trug und als bloße Form ihr sich selbst anklagender Inhalt –, und so behandeln, wie sie es verdienen – mit völliger Nichtbeachtung –, hocken sie sich alle vier Jahre hin und schreiben Analysen darüber, wie Christian Lindner in Schwarz-Weiß macht und warum Die Grünen immer so extrem unästhetische Plakate mit vorne und hinten nicht zusammenpassenden Farben machen.

Kleine und Kleinstparteien existieren nur, weil Medienwissenschaftler*innen ihnen auch mal 0,01–4,9 % Platz in ihren Texten und Vorträgen einräumen. Am allerschlimmsten sind sogenannte Medienethiker. Sie haben mal eine Vorlesung Moralphilosophie ins linierte Schulheft geschrieben und das Buch »Ethik für Dummies« wegen des schönen Umschlags im Regal stehen. Den Rest haben sie sich mit Blinkist-Zusammenfassungen draufgeschafft.

Deswegen sagen sie in die Fernsehkamera »Was der und der macht, ist moralisch natürlich problematisch, aber es ist nicht verboten«, und was wolltste da machen, nech. Auf ihren Windows-Desktops mit der grünen Wiese sieht es aus wie Sau, weil noch Verknüpfungen von lauter alten Studi-Präsentationen herumliegen.

Auf ihren Tagungen müssen fünfmal so viele Bahlsen-Gebäckschälchen herumstehen als anderswo, auf Tellerchen oder in anderes Porzellan brauchst du die nicht umzuschichten, weil sie nur an Schoko, Fett und Zucker interessiert sind. Als ›Kaffee‹ kannst du ihnen irgendeine viel zu dünne oder viel zu dicke teerige Brühe in die ekligen Kannen schütten, sie saufen ihn gleichwie aus ›abgespülten‹ Tassen mit Alträndern unten drin.

Die Teebeutel kannst du wieder mitnehmen und das heiße Wasser in den Ausguss gießen, aber der eine da hat sich schon mal ne Tasse Grünen gebrüht (und den Beutel dann neben den fehlenden Mülleimer geschlonzt, wo er heute noch klebt). In jedem ihrer Texte steht Jürgen Habermas’ »Strukturwandel der Öffentlichkeit« im Literaturverzeichnis. Die zwei Stellen, die sie daraus indirekt zitieren, sind, mit einem gelben und einem lilanen Page-marker versehen, zum Aufschlagen bereit.

In den Lustigen Taschenbüchern fanden sie die Mickey-Mouse-Geschichten immer am tollsten. Noch in den Dissertations-Verteidigungen fragen sie die Prüflinge nach dem Unterschied zwischen Struktur und System, weil sie in den mündlichen Proseminar-Prüfungen noch nicht genug Spaß daran hatten.

Die Medienwissenschaft ist die Fach-gewordene SPD. Sie tut zwar so, als sei ihr einziges Anliegen die Erkenntnis, was sie progressiv mache. Aber eigentlich ist sie bloße »Wissenschaft« wie z. B. die sogenannten Wirtschaftswissenschaften, und daher rotlackierte CDU.

Topthema »schlecht abreißende Küchenrolle«

Grundsätzlich gilt: Je mehr bio eine Küchenrolle ist, desto schlechter ist sie perforiert, ergo lässt sie sich je bioer, desto schlechter abreißen.
Und das hat seinen Grund: Trennt eins ein Blatt aufmerksam und mit Bedacht ab, reißt es nicht ein – Stichwort: Achtsamkeit. Hingegen krapft jemand ungestüm am Rollenende herum wie so ein bayerischer Vizeminis… bzw. niederbayerischer Saubauer, flirrt freilich nix wie Fetzenstreifen herum.
Einen Dienst an der Menschheit wollen die antroposophischen Schlechtperforierer tun. Achtet mal drauf.

»Chocomel – ein Original«

Wenn ein Getränk sich bescheiden und vor allem kollegial »ein Original« nennt, ist meine Sympathie ihm sicher. Es erinnert mich an die herzerwärmende Aufschrift über einer Nürnberger Dönerbude: »Ein Besonderes unter den Besten«.
Gesehen habe ich dieses Schokoladengetränk am 4.5.21 zum ersten Mal, im Kühlregal einer Tankstelle. Weniger süß als die Mitbewerber aus den Getränkekartons und Flaschen – was ich sehr begrüße –, aber auch etwas »dünner« – was ich weniger begrüße –. 7,7/10

Josef aus Kastelruth

Die Bürgermeister der Gemeinde Kastelruth, des namensgebenden Ortes der Kastelruther Spatzen, von 1952 bis 1980 hießen:
  • Josef Egger: 1952–1956
  • Josef Trocker: 1956–1969
  • Josef Fulterer: 1969–1974
  • Josef Gasser: 1974–1980

Bonus, weil Premiumname:

  • Vinzenz Karbon: 1980–2004