Sunday Noon Pay-per-View

»Und da betritt der alte und wahrscheinlich neue Bundespräsident, Frank-Walter Steinmeier, die Bundesversammlung, grüßt als erstes die Fraktionsvorsitzenden… aber WAS IST DAS❔❓ … OH MY GOD❗❕ IT’S CHRISTIAN WULFF WITH A STEEL CHAIR❗❕❕«

Olympische Interviewdisziplin: Grein-Raun-Kombinieren

07.02.2022 • Nachmittags beim Bügeln den Fernseher angemacht, bei der ZDF-Olympiaübertragung gelandet. Es ging um Skispringen. Und herrlich, wie da im Interview gegreint und geraunt, ja, vor allem herrlich geraunt wurde! Der reinste hinterwäldlerische Provinzvereins-Kindergarten! Nur im olympischen Dorf.

Was war passiert? Drei Akteurinnen des deutschen Teams waren bei der Überprüfung der Anzüge disqualifiziert worden. Diese waren wohl an entscheidenden Stellen zu weit; um mit mehr Fläche größeren Luftwiderstand zu erzeugen, logo.

Aber was heißt da »logo«? Der eine – wohl ein Trainer –, der am meisten greinte und raunte, ramenterte ganz enragiert, man sei ja wohl vor zwei Tagen auch durch die Kontrolle gekommen, mit demselben Material, die »Mädels« würden ja auf heute kaum ihre Erfolgsanzüge wechseln, und jetzt plötzlich seien die Anzüge nicht mehr regelkonform?! Und überhaupt sei es halt am Ende doch noch Stoff, der sei nun mal dehnbar und könne schon mal einen, zwei Zentimeter weiter sein, man schneidere jedenfalls immer genau enrsprechend der Regeln, und man müsse schon den Eindruck haben, dass da jetzt plötzlich viel genauer gemessen werde als je zuvor, und dass es da ausgerechnet drei deutsche »Mädels« – sehr erfolgreiche noch dazu! – treffe, also, er wolle da jetzt nichts sagen oder andeuten, aber dass da dieser eine Kontrolleur jetzt dabei gewesen sei, und wenn man jetzt plötzlich so genau messe, also da drauf hätten sie sich überhaupt nicht einstellen können, und am Ende macht das halt schon auch, man muss es so hart sagen, den Sport kaputt, und das beschädigt jetzt auch das Ansehen des Sports.

Der eine der beiden Kommentatorinnen, anscheinend früher Trainer des Skisprungteams, rückt anschließend einiges gerade. Er habe den Springer*innen früher schon gesagt, das ginge nicht, da müssten alle genauer aufpassen mit den Anzügen, wenn die so weit seien, gebe es früher oder später Probleme. Aber jetzt sei er da nicht mehr so tief drin, jetzt ginge ihn das nicht mehr so sehr was an. Wundern tut sie, also die Disqualifiziererei, ihn, man hört’s, kein Stück.

Wie herrlich doch aber der andere geraunt und gegreint hat! Womöglich schalte ich da jetzt öfter ein, wer weiß, vielleicht kommt’s ja noch zu positiven PCR-Tests, bei denen einer zwar ganz gewiss nichts sagen will, aber ob die wirklich positiv waren oder ob da nicht auch irgendwie, also, wissen könne man ja nie, und am Ende müsse man sich halt drauf verlassen, dass da alles korrekt (…).

08.02.2022, 05:30 Uhr • Herrlich zaubrisch wird in den DLF-Nachrichten gebarmt! »Die FIS hat damit das Damenskispringen zerstört. So macht man Nationen kaputt, Förderungen kaputt, und auch den Sport kaputt«, so eines der betroffenen, ja geschädigten »Mädels«.

Der »große« Michael »Air« Jordan

Was war ich als Kind enttäuscht, als mir der 2,01 m große evangelische Amateur-Basketballer aus der Nachbarschaft vor seinem Hof-Korb en passant mitteilte, Michael »Air« Jordan sei gar keine 2 m groß, sondern bloß 1,96 m. Mag er größenmäßig ein Loser gewesen sein, er blieb dennoch mein bester und liebster Basketballer.

Später erfuhr ich, Jordan sei in Wahrheit 1,98 m.

Arno Frank soll sich entschuldigen

ABER FÜR DEN AUSDRUCK »Fußball-Fatigue« ENTSCHULDIGST DU DICH GEFÄLLIGST, DU ALBERNER ALLITERATIONS-ARNO 😡😡😡


Beim SPIEGEL wird einfach jeglicher Sinn sturheil dem Stabreim-Zwang geopfert. >M<alefiz, >m<an >m<öchte >M<äuse >m<elken, >M<ensch >M<eier!

Und dann lese ich mir das auch noch durch. Z.B.: »Überhaupt hat das Vorübertreibenlassen der Veranstaltung den drolligen Effekt, dass die meiste Werbung überhaupt keinen Sinn ergibt. Normalerweise bleckt uns aus den Anzeigen nur das weiße Kampfgebiss von Jürgen Klopp entgegen, aber nun? Wer sind diese Leute? Warum freuen sie sich so? Will ich mit ihnen Chips futtern?« Wer in diesem Schmonzes einen Sinn erkennen kann, möge sich melden. Aber Hauptsache, sich von Bastian Sick gemerkt haben, dass es unbedingt »Sinn ergeben« heißt, und nicht »Sinn machen« (was halt gar nicht stimmt). Oben schrieb ich von Sinn-Opferung an den Stabreim-Zwang? Der SPIEGEL-Frank weiß schon nicht mal mehr, was Sinn ist, wenn er ihn hinschreibt.

Die arbeitenden Reifen

Der Sportteil unbewusst über den Status des Menschen: »Ohne Topzeiten zu produzieren, wählte der 35-Jährige [Lewis Hamilton] während des ersten Renndrittels häufig einen leicht weiteren Weg durch die Kurven und half den Reifen so, länger auf hohem Niveau zu arbeiten.« (Jo Herold auf tagesschau.de)

Seelenlose Gummidinger zeigen, wie arbeiten und funktionieren zu unmittelbar austauschbaren Synonymen erstarrt sind. Wenn obendrein der Rennfahrer seinen Rennreifen zur Arbeit auf hohem Niveau hilft, ist nicht die Vermenschlichung der Reifen vollendet, sondern die Verdinglichung des Fahrers.

Stüssy; Niederbayern

In meiner Jugend wollte ich Teil der Skatekultur sein. Skateboard fahren konnte ich nicht. Riefe Eric »Do a Kickflip!« Koston mir zu: »Do an Ollie!«, ich könnte heute noch nur verschämt weglachen. Aber Stunt Skates, auch genannt Aggressive Skates, also solche zum Grinden, hatte ich und ›stand‹ in der Alte-Leute-Dorfsiedlung auf von Vater zusammengedengelten Rails und Curbs auch den einen oder anderen Trick. Die etwa drei Jahre, die ich das machte, gingen gänzlich ohne Verletzung rum, obwohl ich die Skates derart läppisch locker schnürte, dass es »schnürte« heißen müsste und ich ohne Senkelöffnen raus- und reinsteigen konnte; weil ich wollte mich so gut es ging reinlegen können aufm Rail.

Im Straubinger Skateshop »77 Sunset Strip«, genannt Seventyseven, bewunderte ich in den Auslagen all die coolen Skateboard- und Klamottenmarken. Carhartt und Vans und Adio und wie sie nicht alle hießen. Und Stüssy.

Jetzt, 20 Jahre später, schauen Freundin und ich gerade Season 3 der Serie Fargo, worin einige wichtige Figuren den Nachnamen Stussy tragen. Ausgesprochen: [stassi]. Und es dämmert mir: Lag ich all die Jahre falsch mit der zumindest mental so getätigten Skateboardmarken-Aussprache [stüssi]? Ja. Indes die englische Wikipedia und das restliche Internet entgegen der Fargo-Aussprache sagen, es werde [stuːsi], also in etwa STOO-see ausgesprochen. Jedenfalls nicht [stüssi].

Mit 11, 12, 13, 14 Jahren aber wusste ich noch nicht um die im Englischen phonetisch bedeutungslosen Röck Döts wie in Motörhead, Mötley Crüe oder Queensrÿche. Und sagte eben, wie alle Normalen: [moutörhäd], [mötlai crü] und Queensrÿche kannte ich noch gar nicht. Woher auch.

»Die Bravo gabs bei uns am Dorf nicht«, antwortete der stellv. bayerische Ministerpräsident und ebenfalls in Niederbayern aufgewachsene Hubert Aiwanger kürzlich dem stalinistisch-genozidalen Sozenbengel Kevin Kühnert auf Twitter (zum Thread). »Wir waren sozusagen bewahrt von all dem, was Sie in Ihrer Jugend in Berlin aushalten mussten.« Woraufhin Kühnert, der ein bewunderns- wie beneidenswertes Twittergame fährt, das bekannte Söderfoto vorm FJS-Jugendzimmerposter postete mit dem Kommentar: »Bitter! Sie hatten also nie einen Bravo-Starschnitt an der Wand… 😥« Was den gesunden Volkskörper Aiwanger veranlasste zur Antwort: »Nein. Keine beklebten oder beschmierten Wände. Geweißelt.« Weil’s beim Hubert schon innen im Kinderzimmer aussehen und zugehen musste wie später im repressiv durchkonformierten Dorferscheinungsbild.

(Offenlegung: Die Bravo gab’s bei »uns« »am Dorf« schon, und zwar beim Loibl-Bäcker an der Hauptstraße sehrschräg gegenüber der Pfarrkirche, aber da standen solche interessant-aufklärerischen Dinge halt auch nicht drin.)